Leben mit Fragen in komplexen Zeiten

Eines vorweg: nicht erst seit der Pandemie sind die Lebenssituationen komplex. Wir haben uns nur ständig vorgemacht, wir könnten damit besser umgehen.

In der Schule haben wir gelernt, Antworten zu geben. Es gab Fragen der Lehrer an uns, die in der Regel eine richtige Antwort hatten. Reinhard Kahl, Wissenschaftsjournalist aus Hamburg, nannte diese Pädagogik “Ostereierpädagogik”, weil es darum ging, die richtige Antwort zu finden.

Auch als Führungskraft unterliegen wir häufig der Zuschreibung unserer Mitarbeiter, wir müssten die an uns gestellten Fragen möglichst schnell Beantworten. So entwickeln wir ständig Lösungen für Andere, die unserem eigenen Denken entsprechen.

Fragen können brennend sein, sich in Rauch auflösen und Feuer entfachen. (c) Bild von HG-Fotografie auf Pixabay

In der Pandemie zeigt sich, dass es keine Antworten gibt, die eindeutig sind, mit denen man ein halbwegs sicheres Fundament für die unternehmerischen Entscheidungen treffen kann. Daher warten viele darauf, dass Antworten auf ihre Fragen von anderen gesucht, gefunden und gegeben werden.

Mit offenen Fragen leben

Das Gedicht “Stufen” von Rainer Maria Rilke spricht aus, was so schwierig ist: Leben mit offenen Fragen, bis man “ohne es zu merken” in die “Antwort hinein” wächst.

Wir halten das schwer aus, weil wir uns zwar mit Fragen bombardieren, jedoch uns viel zu wenig und, falls doch, viel zu theoretisch mit den Fragen selbst beschäftigt haben. Betrachten wir daher das Phänomen der Fragen etwas genauer.

Fragen sind seit unserer Kleinkindzeit an unserer Seite. Wer Kinder hat, kennt die quengelige, permanente Wiederholung der Frage “Warum?” Zunächst freuen wir uns, dass der eigene Spross etwas wissen will. Wir beginnen mit unserer Antwort und erfahren mit jedem weiteren Satz, den wir dazu stellen, dass eine neue Frage gleichen Wortlauts reift: “Warum?” und nach spätestens vier bis fünf Wiederholungen, sind wir zutiefst genervt, weil es uns schwerfällt, dieses Warum zu beantworten.

Auch in der Innovationskultur wird empfohlen, mindestens fünf Mal nach dem Warum zu fragen, um unser Gehirn für kreative Gedanken zu öffnen. Und in der Purpose-Bewegung und ihrem “start with why” wird diese Frage ebenfalls in den Vordergrund gerückt.

Im Sprachunterricht lernen wir die Grammatik: Was ist das Fragewort, handelt es sich um eine offene oder geschlossene Frage, um eine Suggestiv- oder Abschlussfrage im Verkauf.

Fragen können wie schwere Steine belasten, oder den Humus für Interesse bilden. (c) Bild von Anne Kroiß auf Pixabay

Es gibt Einwort-Fragen wie Warum? Und? Aber? Oder? Echt? Sie lösen ganz verschiedene Reaktionen aus und sind vom Kontext abhängig.

Es gibt die wissenschaftlichen Fragestellungen, die jeden wissenschaftlichen Text begründen(sollten). Und Fragen, die sehr deutlich signalisieren, wer sie stellt. Andere Fragenn wiederum verbergen dies.

Fragen werden von Menschen gestellt. Ob die Delfine oder Elefanten oder sonst ein Lebewesen Fragen stellt, kann ich nicht beurteilen. Ob die Kommunikation der Bäume in unseren Wäldern als Frage-Antwort-Dialog abläuft, weiß ich nicht. In unserem Alltag spielen die Fragen der Menschen aneinander eine große Rolle.

Wenn Du bis hierher gelesen hast, was hält dich bei der Stange? Welche Frage hast du, die du durch meinen Text weiterentwickeln willst?

Fragen atmen. Sie verändern sich mit jeder neuen Wahrnehmung. (c) pixabayBild von Free-Photos auf Pixabay

Unser Verhältnis zur Frage ist gespalten. In Vorträgen, bei Besprechungen, bei der Übergabe oder Übernahme von Aufgaben werden häufig die falschen Fragen gestellt. Obwohl wir feststellen können, dass viele Kinderfragen äußerst gut formuliert sind. Es scheint, als haben wir durch unsere Schule verlernt, die richtigen Fragen zu stellen.

Wir wissen zwar: Wer fragt, der führt! aber wir merken gleichzeitig, dass die falsche Frage mehr Irritation erzeugt und mehr verhindert, als sie bewirken sollte. Unnötige Diskussionen, lange und gedankliche Umwege sind die Folge.

Was ist eine richtige Frage?

Lex Bos, ein holländischer Soziologe, entwickelte bereits in den Siebzigern des letzten Jahrhunderts sein “Modell der Dynamischen Urteilsbildung”. Er promovierte über die Urteilsbildung in Gruppen und beschrieb dabei in einer besonderen Form, was eigentlich eine Frage ist. Er stellt sie dar als etwas, was in der Gegenwart existiert. Die Frage sei zwischen Vergangenheit und Zukunft angesiedelt. Jede Frage, die jemand persönlich stellt, hat mit dessen Vergangenheit und dessen Zukunft zu tun. Reagieren wir darauf mit Antworten, verwehren wir dem Anderen, seinen eigenen Weg zu finden. Vielmehr hilft es, die Vergangenheit und Zukunft der gestellten Frage zu erforschen. Fragt man beispielsweise den Fragenden, woher seine Frage stammt, oder welches Ziel er damit erreichen will, wird er sofort beginnen, seine eigene Frage weiter zu entwickeln.

Bos unterscheidet in der Vergangenheit zwischen den Fakten und Wahrnehmungen, die zu der Frage geführt haben und den persönlichen Meinungen und Vor-Urteilen. In der Zukunft spielen ebenfalls zwei Aspekte eine Rolle: Die Ziele und Ideale, sowie die konkreten, machbaren Schritte.

Wendet man dieses Grundbild auf die aktuellen Situationen an und beginnt seine aktuellen Fragen damit zu bewegen, tauchen zwar viele weitere Fragen auf. Jedoch stellt sich schnell ein Gefühl dafür ein, welche Fragen davon in konkrete Schritte überführt werden können und welche Fragen weiter beobachtet werden müssen.

Probier es doch aus: Nimm mehrere Blätter Papier, schreibe deine erste Frage in die Mitte. Sammle aussen herum Fakten, Meinungen, Ziele und Wege und achte darauf, wie sich die Frage ändert. Nimm dann ein nächstes Blatt, schreibe die neue Frage in die Mitte, ergänze wieder aus den vier Perspektiven.

Mehr zu dieser Methode und wie sie weiterentwickelt wurde, gibt es im Onlinekurs zur evokatorischen Führung unter www.evokator.de/kurse/gef

Welche Verantwortung trägst du?

5 Fragen, die Du dir stellen kannst, um deine Verantwortung zu klären

Was haben Storytelling und Verantwortung gemeinsam?

Gestern habe ich an einem Webinar zum Thema Storytelling teilgenommen. Die Referentin erläuterte uns darin ein Canvas-Modell mit verschiedenen Feldern, über welches man die Rahmenbedingungen und die Wortwahl, das Publikum, die Zielsetzung etc. erarbeitet. Anschliessend fällt die Entwicklung und Erzählung der Story deutlich leichter.

Vor mehr als 10 Jahren startete ich in meinen Workshops mit Führungskräften im internationalen Anlagenbau eine persönliche Forschung, die ich immer wieder neu durchführe: Ich frage nach dem Aufgabenfeld der Teilnehmer und – meistens nach einer Nacht des Überschlafens – nach ihrer Verantwortung. Wir sammeln dann die Aussagen, was denn Verantwortung sei und welche Parameter oder Kriterien erfüllt sein müssen, um zu ermöglichen, dass der entsprechende Manager seine Verantwortung übernehmen kann.

Was beides gemeinsam hat? Die Story, als auch der Begriff der Verantwortung, sind sehr stark von Kontext und Zielgruppe abhängig.

Probiere es selbst einmal aus: Beobachte dich, wie du reagierst, wenn du deine Verantwortung

  • deinem Nachbarn
  • deinem geschätzten Mitarbeiter
  • deinem Kunden
  • deinem Rivalen oder
  • deinem Lieferanten beschreibst.

Wird die Definition wirklich genau die Gleiche sein? Und wenn ja, wird sie in ihrer Aussprache gleich betont?

Welche Rückfragen werden von deinem Gegenüber zurück gestellt werden?

Verantwortung ist eigentlich ein Prozess, der Abhängig von den daran beteiligten Menschen, Materialien und Prozessgesetzmäßigkeiten ist. Verantwortung ist lebendig und muss mit jedem Schritt in der Bewältigung der Aufgabe, sich wieder neu definieren.

Gerade in diesen Zeiten wird sie zeigen, wie wir mit dieser Herausforderung umgehen werden: Die Verantwortlichen für die Coronachance / -krise werden gesucht. Und was wird dann geschehen, wenn man sie gefunden hat?

In vielen Unternehmen wird bei Fehler anschliessend der Verantwortliche gesucht. Man trifft Entscheidungen und viele verlassen danach das Unternehmen zwangsweise oder auch aus eigenem Willen. Auch wir werden nach der Verantwortung der Politiker rufen und mit den nächsten Wahlen darüber entscheiden, was die Konsequenz ihrer Entscheidungen sein wird.

Ich halte das für Fragwürdig: Wir geben den Verantwortlichen das Recht, Entscheidungen zu treffen und überlegen uns oft erst hinterher, was die Konsequenzen sind, wenn diese Entscheidungen sich im Nachhinein als falsch herausstellen. Wenn wir Verantwortung an jemanden übertragen, dann sollten wir in diesem Moment bereits die Konsequenzen mit bedenken. Und wenn Verantwortung ein Prozess ist, dann folgt daraus, dass mit dem Wachsen der Verantwortung immer wieder ein Dialog gesucht werden muss, um Auftrag, Verantwortung und Konsequenz abzustimmen.

Der Gärtner setzt die Rahmenbedingungen dafür, dass seine Frucht reifen kann. “Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht!” Foto: (c) pixabay

Welche Verantwortung trägst Du gerade? Und wo bist du dir der Konsequenzen bewusst?

Wie beim Storytelling ist es wichtig, die Rahmenbedingungen situativ anzupassen. Die folgenden fünf Fragen helfen dir dabei, deinen situativen Fokus auf deine Verantwortung zu schärfen:

  • Welche Fähigkeiten, fachkich und sozial, brauchst du für die Aufgabe?
  • Was sollst du erreichen aus Sicht deiner Stakeholder, der Gesellschaft, des Unternehmens?
  • Welche Entscheidungen sind als nächstes zu treffen?
  • Welche positiven und negativen Konsequenzen sind zu erwarten?
  • Willst du die Verantwortung für diese Aufgabe tragen?

Diese Fragen stammen aus dem ErIch-Modell und werden in meinem Online-Kurs zur evokatorischen Führung hergeleitet und begründet.

Interesse? Gerne melden.

Viel Erfolg bei der Übernahme und Übergabe von Verantwortung!

Zutrauen schenken als Zukunftskompetenz

Die Krise fördert zutage, was in Unternehmen schon länger wahrgenommen werden kann: Transformation bedarf eines Haltungswechsels und einer bewussten Reflexion vorhandender Denk-Systeme. Um Neues zu schaffen – nicht nur während und nach Corona – lassen sich die jetzt gemachten Erfahrungen nutzen. Führung ändert sich derzeit in eine höhere, agilere, dezentralere Führung oder ein stärkeres “Command and Control”-Verhalten. Beides hat seine Tücken. Treten wir jedoch einen Schritt zurück und betrachten wir auf eine Metaebene, was sich zeigt.

Die Pandemie spaltet die Gesellschaft. Verschwörungstheorien, Hochrechnungen, Aussagen verschiedenster Spezialisten – sie alle führen zur spürbaren Unsicherheit in der Gesellschaft.

Die Gesellschaft sind wir. Jeder Einzelne von uns gehört dazu. Nun haben wir aber gelernt, unsere Welt in überschaubare Einheiten zu teilen. Das geschieht schon sehr früh durch die Sprachbildung. Wir lernen Mama und Papa und dann Mamas und Papas kennen. Wir lernen wer dazu gehört zur Familie, zur Nachbarschaft, zu den Deutschen, den Europäern oder zur Weltbevölkerung.

Begriffe verbinden – und trennen

Claus Otto Scharmer hat mit seiner Theory U und der Suche danach, “was die Zukunft ausspricht” ein mittlerweile weltweit angewendetes Methodenset zusammengestellt und praktiziert, welches ebenfalls mit Begrifflichkeiten beginnt: Im U-Lab beschreibt er vier Aufmerksamkeitsstufen:

  • Hören, was ich bereits kenne – ich fülle verwendete Begriffe des Gegenübers mit meinen eigenen Erfahrungen.
  • Hören, was ich noch nicht kenne – ich frage nach, welche Erfahrungen der Andere gemacht hat, um zu seinem Begriff zu kommen.
  • empathisches Zuhören – spüre mit dem Anderen und ich äußere, welche Empfindungen ich wahrnehme zu dem, was mitgeteilt wurde.
  • Presencing – etwas spricht sich in mir als evident aus.

Im Hören, was ich kenne, wird die Zuordnung zu den mir bekannten Begriffen vorgenommen. Im Hören, was ich noch nicht kenne, wir die Unterscheidung und die Trennung erlebt. Alles, was ich nicht zuordnen kann, gehört zum Anderssein. Unser Verstand sorgt für messerscharfe Trennungen. Wir können vieles darin durch Denken schärfen. Gerade deswegen gibt es so viele unterschiedliche Methoden, die sich immer wieder ähneln.

Empathie: Das Spüren erwecken

Im empathischen Zuhören geht es über das kognitive Verstehen auch um die emotionale Offenheit. Emfpinde ich, was der andere fühlt oder wie fühlt sich die Situation an, die der andere beschreibt? Mit diesem Schritt verlassen wir unser kognitives, schulgeprägtes Lernen. Das empathische Zuhören ist nicht erst seit Scharmer bekannt. Auch im Active-Listening wird empfohlen, dem Gegenüber mitzuteilen, welche Empfindungen man hat, bei dem, was mir mein Gegenüber schildert.

Die Empathie ist jedoch abhängig von durchlebten Prozessen. Die zeitliche Dimension tritt stärker in unsere Erfahrung mit dem Gegenüber. Wodurch entsteht Spannung, Trauer, Freude oder die vielen anderen Nuancen emotionaler Situationen? Erwartungen werden übertroffen oder enttäuscht. Dazu braucht es den Prozess von einer vorgestellten Situation zu einer eingetretenen Situation. Emotionalität ist daher abhängig von der Fähigkeit, zeitliche Entwicklungsschritte wahrzunehmen.

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Unserer Sinnesorgane sind genau darauf ausgerichtet: Unser Hören realisieren wir, wenn etwas besonders laut oder leise ist. Unser Schmecken warnt uns bei starken Geschmacksveränderungen. Sind wir das scharfe indische Essen gewöhnt, überrascht uns der Geschmack nicht mehr. Unser Sehen wird durch die Unterschiedlichkeit geweckt und übersieht doch die täglich wiederkehrenden, massiven Werbeversprechen. Unser Riechen reagiert auf Umgebungsveränderungen. Halten wir uns längere Zeit an einem Misthaufen auf, richt es plötzlich nicht mehr. Unser Tasten wird sensibilisiert, wenn wir Veränderungen in der Struktur oder Wärme wahrnehmen.

Die Schwelle der Angst

Unsere Sinne helfen uns also nicht nur kognitiv aufzuwachen und Situationen wahrzunehmen, sondern auch die Unterschiede und den Prozess zu erkennen. Dabei ergeben ihre Reaktionen kein Urteil, sondern eine erweiterte Wahrnehmung auf das, was passiert.

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Voice of Fear (VoF) nennt Scharmer als Hindernis, um auf die tiefste Ebene der Aufmerksamkeit vorzudringen. Die Kraft der Angst, das Nadelöhr, bedingt, dass wir all das, was wir bis dahin wahrgenommen und empfunden haben, loslassen, damit sich die Zukunft aussprechen kann. Halten wir an unseren Vorstellungen fest, wollen wir mit einer von uns vorher gefassten Intention in diesen Prozess gehen, verweigert sich das Evidenzgefühl. Wir wissen selbst am Besten, was wir uns vormachen, wenn wir einen Strategieprozess initiieren und von vornherein Zielparameter setzen, die wir aus der Vergangenheit mitgebracht haben. Führung mit Zielen kann an dieser Stelle die wirkliche Innovation, die Evidenz des Entsthenden verhindern.

Vertrauen und Zutrauen

Verlieben, verlieren, vertrauen, verachten, vernehmen … mit der Vorsilbe “ver” wird oft etwas ausgedrückt, was eben doch nicht richtig ist. Haben wir uns verliebt, erleben wir zwar den Kopf und oder Bauch voller Schmetterlinge, jedoch wissen wir, dass dann später viel Arbeit in der Beziehung auf uns wartet, um eine wirkliche Liebesbeziehung zu erstellen. Im Verlieren und Verachten sind die negativen Empfindungen jedem Bekannt. Ver-Trauen ist daher ein unter Vorbehalt gegebenes Trauen. Mit diesem Trauen können wir die VoF etwas überlisten. Ob wir dadurch jedoch wirklich tiefgreifende Presencing-Momente erleben, wage ich zu bezweifeln.

Sprechen wir hingegen von Zutrauen, so ändert sich mein inneres Emfpinden von dem, was es derzeit gilt: Ich löse mich von den vorher trennenden, kognitiven Grenzen, respektiere die unterschiedlichen Emfpindungen und kann mich angstfrei durch das Nadelöhr begeben, um dessen gewahr zu werden, was die Zukunft ausspricht.

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Trauen wir uns also etwas zu. Ermutigen wir uns gegenseitig, etwas auszuprobieren, entwickeln wir Formate, in denen Raum für Zutrauen und Experimente sind. Machen wir unsere Unternehmungen menschlicher. Denn die Fähigkeit neben der trennenden und verbindenden Sprache und der Empathie, die den Menschen kennzeichnet, ist auch das Zutrauen und damit die Sicherheit, dass der Andere seine Verantwortung in eine Zuständigkeit und Zuverlässigkeit wandeln kann.

Wie kann ich das als Führungskraft unterstützen?

Dem Mitarbeiter etwas zutrauen bedeutet, die eigenen Zielsetzungen und selbst erlernten Vorgehensweisen zurück zu halten. Dafür musst Du ihm Zeit schenken – in dem vollsten Vertrauen in dich, dass er es schafft. Schafft er dann seinen Schritt, wächst nicht nur das Vertrauen, sondern Du kannst dich mit ihm dann auch etwas trauen.

Mit den folgenden Tipps wird es leichter:

  • Unterstütze die Denkbewegung des Mitarbeiters und öffne seine Wahrnehmung zum Beispiel durch die Frage nach dem Ziel – und was noch ein Ziel sein könnte.
  • Lenke den Fokus auf den Prozess, wie das Ziel erreicht wird – ohne selbst Lösungsvorschläge zu unterbreiten.
  • Frage auch danach, wie sich der Lösungsweg für den Mitarbeiter anfühlt.
  • Gib einen Zeitraum, in dem sich der Lösungsweg entwickeln kann. Hilfreich ist die innere Affimration “Wir haben alle Zeit der Welt, aber in X-Stunden/Tagen/Wochen machen wir den ersten Schritt”

In der evokatorischen Führung lernen wir durch die richtigen Fragestellungen das Zukunftspotenzial der Mitarbeiter zu wecken. Hier gilt es sehr präzise darauf zu achten, welche Fragen man wie stellt. Die Wirksamkeit von Führung mit Fragen, die das Zutrauen in den Mitarbeiter verstärken, ist enorm. Mitarbeiter entwickeln plötzlich eigene Lösungswege, steigern ihre Motivation und agieren eigenständig auch auf schnelle Veränderungen.

Mehr dazu gibt es hier

Der Augenblick

Ab heute gilt Maskenpflicht in Bus, Bahn und Ladengeschäften. Während man in den vergangenen Wochen erleben konnte, wie immer mehr Masken das Stadtbild prägten, ist zu vermuten, dass heute noch mehr Menschen sich an die Vorgaben halten.

Viele Menschen sehen sich eingeschränkt. Der Mimik des Gegenübers beraubt, wird es schwieriger, sich ein Bild und Urteil über den Anderen zu machen. Was für den einen eine Gefahr, kann für den Anderen eine Chance sein.

Welcher Mitmensch verbirgt sich hinter der Maske?

Schaue ich zu mir und was ich selbst steuern und verändern kann, so ist es die innere Haltung, mit der ich dem Anderen begegne. Fühle ich mich eingeschränkt von Außen, oder sehe ich die Chance des Augenblickes?

Während wir in den vergangenen Jahren unseren Mitmenschen im Supermarkt eher interessenslos begegneten, wächst derzeit die Intensität der Augenblicke. Wir sehen einander häufiger in die Augen und damit begegnen wir uns intensiver.

Vor kurzem schrieb ich einen Blogbeitrag zur Begegnung in Remote-Situationen, in dem ich eine Übung beschrieb, die mich faszinierte: Wir schauten einem von uns gewählten Teilnehmer an und fragten uns, wie es ihm ginge. Auch wenn wir nicht wussten, wer uns ansah und ob überhaupt, so war diese Übung für mich ein Augenöffner.

Zusammengefasst mit der Maskenpflicht bedingt die Situation, dass wir uns mehr in die Augen sehen müssen und dadurch eine andere Begegnungsqualität entstehen kann. Diese Qualität wird abhängig davon sein, in welcher Haltung ich dem Gegenüber begegne.

Machen wir das Beste daraus! Unterstellen wir dem Gegenüber, es sei großartig, Mutig, ein Weltverbesserer. Glauben wir an seine oder ihre Fähigkeiten, an den Wunsch das Beste für die Welt und sich zu tun. Wir müssen es nicht einmal aussprechen, es reicht, ihm oder ihr über den Blickkontakt zu signalisieren: Du bist gemeint, du bist gut!

Und wenn du diese Übung bei deinem nächsten Einkauf oder Busfahrt machst, dann wirst du merken, wie sich Wohlwollen um dich herum ausbreitet.

Methode: Machen

Geht es dir auch gerade so, dass du von Angeboten überrannt wirst? Jeder will dir irgendwas verkaufen, seine Methode als die wirksamste und erfolgreichste darstellen. Und das Beste: die Erklärungen, warum das so ist, sind oft auch noch stimmig.

“20 Jahre Coachingkompetenz sind in die Methode xy geflossen.”

“Warum du mit dieser Methode Remote-Work erfolgreich bestehst.”

“Die besten Methoden für xyz …”

diverse Werbeaussagen

Auf der anderen Seite nehme ich derzeit an verschiedenen Online-Meetings teil, in denen Menschen nach Lösungen suchen für das, was sie gerade umtreibt. Manche schulen sich dabei in Methoden, andere wiederum bringen ihre Methoden ein, um zu helfen. Daran ist überhaupt nichts verwerfliches. Mir geht es hier um einen anderen Aspekt:

Wieviel Methodenwissen braucht es, um anzufangen?

Wenn wir Innovatonsprozesse betrachten, starten diese häufig mit einer Problemstellung und einer Wahrnehmung der Situation. Dann werden über Brainstormings, Brainwritings und andere Gedankentätigkeiten erste Ideen entwickelt. Im Designthinking und inzwischen auch vielen anderen Methoden, folgt dann ein rasches Prototyping, das Beobachten der Reaktionen und die iterative Anpassung. Beobachtbar für mich war dabei, dass mit zunehmender Agilität das Machen immer früher einsetzte.

Als Trainer erlebe ich unter Trainerkollegen sehr häufig, dass erklärt wird, warum eine Methode angewendet wird, bevor dann diese Methode erklärt wird. Und erst im dritten Schritt erfolgt die Anwendung. Bis dahin ist ein Teil der TeilnehmerInnen schon eingeschlafen (vielleicht nicht äußerlich, sondern innerlich). Lediglich der Teil der “Kopfarbeiter” folgt, der sich mehr für die Methode, als für das Ergebnis interessiert.

Bild von Dirk Hoenes auf Pixabay

Aus dem Handwerk können wir lernen: Der Schmied braucht den Hammer, um das Eisen zu schmieden, solange es heiß ist. Wenn wir Handwerk lernen, dann müssen wir sofort ins Tun kommen. Ich kann mich noch sehr gut erinnern, als ich im vorletzten Jahr meiner Schullaufbahn im Rahmen einer Jahresarbeit Schmieden gelernt habe. Hammer, Amboß, Esse und Eisen waren sofort klar. Aber das Handwerk selbst, lernt man nur durchs Tun. Und jeder Mitschüler, der mich damals besuchte in der Werkstatt, konnte durch einfaches Nachahmen auch schnell eine Spitze formen.

Entweder sind unsere Modelle zu kompliziert, wenn sie lange Erklärungen benötigen, oder aber wir sind viel zu verliebt in unsere Modelle. Übertragen in den Coaching- und Führungsalltag bedeutet dies für die Moderation von Meetings: Wenn Du ein neues Tool kennengelernt hast, erkläre nicht, wie es funktioniert, sondern fordere auf, es einfach zu machen. Wenn das Tool gut ist, dann weiß dein Kunde genau, wo der Hammer hängt, sobald er das Tool auch nur sieht. Und er wird es gleich anwenden können.

“Die haben scharfe Äxte”

Aus einer Geschichte über die Notwendigkeit von guten Werkzeugen

In einer Geschichte begegnet ein Mann einer Gruppe von Waldarbeitern, die mit Äxten Bäume fällen. Aus Interesse fragt er, wie viele Bäume sie am Tag schaffen. Wenig später trifft er eine andere Gruppe, die die gleiche Tätigkeit machen. Und wieder stellt er seine Frage. Auf dem Rückweg kommt er bei der ersten Gruppe vorbei und fragt: Warum schaffen die anderen mit weniger Menschen mehr Bäume als ihr? Die Antwort darauf steht im obigen Zitat.

Klar, wir müssen sehen, ob unser Werkzeug zum Werkstück passt. Und für viele Werkzeuge braucht man Übung. Das gilt auch für die Tools, die im Training eingesetzt werden. Wie leichtsinnig ist es dann, ohne große Übung in die Anwendung von bisher unbekannten Tools zu gehen?

Meine eigene Erfahrung zeigt: Einfach mal Machen ist die beste Methode. Wer gemeinsam mit seinen Kunden Tools ausprobiert, erlebt die gleichen Überraschungen und durchlebt die gleichen Empfindungen, wie sein Kunde. Das kann zusammenschweißen. Gerade jetzt erleben wir in den zahlreichen Remote-Work-Situationen, dass wir sympathie für das Unfertige entwickeln können, dass wir gemeinsam entdecken können, was für mich und meinen Kunden ein passendes Werkzeug ist. Machen ist der neue Mut, den es braucht, um die Gesellschaft gemeinsam zu verändern.

In diesem Sinne wünsche ich mutiges Machen – selbstverständlich mit Besinnungspausen – auf dass wirkliche Erfahrungen gesammelt werden können.

Wie können wir Beziehung in Remote-Konferenzen herstellen?

Zwei Möglichkeiten für den Check-In

Diese Frage wird in den zunehmenden Videokonferenzen und bei denjenigen, die sie als Facilitator unterstützen immer lauter. Mit der zunehmenden Erfahrung, wie effektiv Besprechungen geführt werden können und wie fokussiert man beim gemeinsamen Blick auf einen Bildschirm Themen bearbeiten kann, stellt sich die Frage, was eigentlich an der Präsenzarbeit so anders ist. Und häufig hört oder liest man: Die Beziehung ist eine andere.

Klar, man kann die Mimik besser erkennen und auch die Körpersprache. Die ständigen Mute-Tasten sind unterdrückt und so werden auch Stimmungslaute etc. wahrnehmbar. Daraus ziehen wir unsere Schlüsse über das, was andere Denken, wie sie sich Fühlen und was sie wohl antreibt.

Unternehmen, die seit jeher viel Remote arbeiten, sind die schnellen Abstimmungsprozesse gewohnt. Man organisiert hin und wieder echte Treffen, um die menschliche Begegnung zu ermöglichen oder nimmt in Kauf, dass zu Beginn oder nach dem Meeting auch mal ein bischen privates erzählt wird. Dabei treten diejenigen in Remote-Work stärker in den Vordergrund, die gerne von sich erzählen. Die Schweigenden bleiben im Hintergrund und die Beziehung zu ihnen wird schwächer.

Auch jetzt laden mich Kolleginnen und Kollegen, Kunden und Lieferanten zum virtuellen Afterwork oder auch zum Online-Barcamp ein. Was wir früher im Foyer oder in den Pausen ausgetauscht haben, bleibt in den eigenen vier Wänden und findet wenig Platz. Wie lässt sich aber dennoch Beziehung gestalten, ohne in die Persönlichkeit des Andere zu sehr einzugreifen und dadurch Ängste und Widerstände zu wecken?

Zwei Möglichkeiten möchte ich hier gerne schildern. Zum einen das Mood-Meter von Sprintbetter.de, zum anderen die Schweigeminuten in Zoom-Konferenzen.

Mood-Meter

(c) sprintbetter.de

Zu Beginn und zum Ende einer Zoom-Konferenz ist es hilfreich, den Teilnehmenden einen differenzierteren Ausdrucksrahmen für ihre Befindlichkeit zu geben. Mit Hilfe der obigen Abbildung ist das sehr einfach möglich. Wir haben im Rahmen von Barcamps zu Beginn unsere Sternchen auf eines der Felder geklebt (in einem gemeinsamen Whiteboard wie MURAL einem Google Jamboard). Dann hat jeder in zwei Sätzen begründet, warum er sich so fühlt. Die einzelnen Emfpindungen sind von unten links nach oben rechts zunehmend in der energie gesteigert und wandern dabei von negativen zu positiven Gefühlen.

Die Erfahrung zeigt, dass man zunächst gewillt ist, sozial erwünscht zu antworten. Hier ist die Empfehlung, dass wirklich dazu aufgefordert wird, sich selbst gegenüber ehrlich zu sein. Es geht im Anschluss ja nicht darum, dem bekümmerten oder entmutigten gleich eine psychologische Beratung angedeihen zu lassen. Vielmehr geht es darum, zuzulassen, dass diese Stimmungen im Team vorhanden sind und sie zu respektieren.

Am Ende der Session kann erneut auf das Board gesehen werden und gegebenenfalls der eigene Stern verschoben werden auf die neue Stimmung. In diesen 5minütigen CheckIns und CheckOuts erlebt man als Beteiligter die Auseinandersetzung mit der eigenen Stimmung und mit dem Stimmungswandel der anderen. Das sorgt für eine größere Akzeptant und gegebenenfalls auch für eine spätere private Verabredung, wie sie auch im Office vielleicht stattfinden würde.

Bild von philm1310 auf Pixabay

Schweigeminuten in Zoom-Konferenzen

Ganz anders und viel intensiver empfand ich die Schweigeminuten zu Beginn einer Zoom-Konferenz. Wir wurden aufgefordert die Ansicht auf Galerieansicht umzuschalten (geht am oberen Bildrand) und uns die verschiedenen TeilnehmerInnen anzusehen. Dann sollten wir eines der Miniaturviedeo “anheften”. Das erreicht man dadurch, dass man auf die drei Punkte auf dem Bild klickt, während man es mit der Maus überfährt. Zoom schaltet genau dieses Video dann in Vollansicht und die anderen in die seitliche Galerieansicht.

Nun wurden wir aufgefordert uns diese Person anzusehen. Den Hintergrund, die Stimmung, in der derjenige wohl sei, was er jetzt wohl empfinden würde … Nach ein bis zwei Minuten konnten wir auch wechseln und andere Gesichter auswählen. Alle schauten konzentriert auf ihre Bildschirme und damit fast einander in die Augen. Zwar wusste man nicht, ob einen das Gegenüber jetzt gleichzeitig auch ansah, oder ob man überhaupt angesehen wurde, jedoch entstand ein Raum der Gegenseitigen Beschäftigung mit den Gesichtszügen, Gefühlsäußerungen, Hintergründe etc.

Diese Begegnung, ohne irgendein Urteil zum Anderen abzugeben oder aufzulösen, wen man sich angesehen hatte, führte zu einer emotional sehr positiven Stimmung innerhalb der relativ großen Runde von 25 TeilnehmerInnen. Als wir später in der Konferenz in Breaking-Teams unterteilt wurden (in diesem Fall per Zufall), freute ich mich, ein mir bekanntes Gesicht wiederzusehen, obwohl wir uns bis Dato noch nie gesehen hatten. Die Gesprächsbasis war sofort sehr vertraut und offen.

In diesem Gespräch in der Kleingruppe zeigte sich das Schweigen wiederum als große Kraft. Die Feststellung, dass wir zwar alle sehr fokussiert auf das Thema seien, aber es manchmal doch etwas Zeit benötige, den eigenen Körper wahrzunehmen, hatte ich bis dato in verschiedenen Webkonferenzen selbst wahrgenommen und von anderen Teilnehmern gehört. Wirklich auch hier sich zu Wort zu melden und zum Ausdruck zu bringen, dass man erst kurz sich besinnen wolle, ehe man etwas zu dem Punkt sage, war daher für mich logisch und wohltuend. Und es erschien mir leichter, weil wir gemeinsam zu Beginn bereits geschwiegen hatten.

Nehmt euch daher ruhig mal die Zeit, zu schweigen und den Anderen zu beobachten. Achtet aber darauf, dass ihr nicht in eine Vorverurteilug oder Verurteilung verfallt, welche negativen Einfluss auf eure Beziehung haben kann. Seid dabei neugierig und offen. Dann kann auch Beziehung in Remote-Work gelingen.

Welche Übungen oder Möglichkeiten kennt ihr, um gegenseitig die Beziehung zu stärken in Remote-Work-Meetings?

Hilfen zum Denken, oder gedacht werden?

Ich beobachte bei mir, wie ich die Kriseninformationen suche, lese, kategorisiere.

Da gibt es einerseits die nackten Zahlen der Forschungsinstitute. Diese stellen die Todesfälle, die durchgeführten Tests und die Infizierten dar. Mit logischem denken und der Verfolgung über mehrere Tage, lassen sich die daraus resultierenden Kurven durchaus nachvollziehen.

Dann wiederum lese ich die logischen Aneinanderreihungen der verschiedenen bedachten Auswirkungen. Szenarien, die in die Zukunft entwickelt werden und Politiker, Unternehmer und Mitmenschen zu Entscheidungen herausfordern.

Hin und wieder finden weniger logisch begründete, jedoch in sich denkbare Theorien ihren Weg zu meinem Interesse. Sie verweisen ebenfalls auf wahrnehmbare Tatsachen, stellen diese jedoch in einen anderen Zusammenhang.

Auch lesenswert sind Artikel von mir sympathischen Mitdenkern dieser Zeit. Sei es Claus Otto Scharmer, Yuval Noah Harari oder anerkannte Journalisten aus den verschiedenen Ressorts der Tages- und Wochenpresse.

Bei den nackten Zahlen regt sich die Frage, was wie erhoben wird. Meine wissenschaftliche Erfahrung hat mich gelehrt, wie abhängig die Ergebnisse von den erhobenen Daten sind. Jeder, der seine Bachelor- oder Masterarbeit geschrieben hat, kann dies nachvollziehen.

Die verschiedenen, in sich logischen Gedankengänge der Szenarien und Verschwörungstheorien beziehen sich zwar auch auf punktuelle Wahrnehmungen der Fakten, weisen jedoch, abhängig von unterschiedlichen, persönlichen Bewertungen, in diverse Richtungen. Die persönliche Beurteilungslage des Autors zeigt sich also darin.

Bei den sympathischen Autoren diverser Artikel verschmilzt sogar diese Beurteilungslage mit der eigenen Beurteilungslage. Ich lese, was ich denken will und werfe gegebenfalls die eigene Fähigkeit des kritischen Denkens über Bord.

Damit wird für mich deutlich, wie wichtig es derzeitig ist, das eigene Denken zu beobachten und sich die Frage zu stellen: Denke ich wirklich unbeeinflusst, oder werde ich gedacht (indem mein Denken sich nur assoziativ an den sympathischen Gedanken anderer anlehnt)?

Aus diesem Impuls ist es sehr bemerkenswert, dass der Ruf nach Besinnung, nach Meditation und Innehalten derzeitig sehr laut von verschiedensten Seiten formuliert wird. Und nicht nur ein Mitdenken und ein gemeinsames Wahrnehmen der Situation, sondern auch ein daraus resultierendes Tun sollte dann folgen. Denn alles still gedachte, möge es auch noch so richtig sein, bedarf eines entschiedenen Tuns oder Lassens in der uns umgebenden Welt.

In diesem Sinne wünsche ich ein frohes Ostern.

Wissensgesellschaft oder Wissenskonsumgesellschaft?

Dank Covid-19 boomt das Angebot an Webinaren, an Lösungsvorschlägen für die Herausforderungen, die sich im Remote-Work, in der Isolation oder in der Neuorientierung auf eigene Werte stellen. Folgt man nur einigen der Angebote gibt es tatsächlich viele Lösungen und ganz konkrete Schritte, was man machen kann – oder auch sollte – wenn man das gleiche Problem hat, wie es der Anbieter schildert. Ganz konkret bekomme ich also ein Angebot nach dem Anderen auf den PC, kann mir dann in verschiedenen Webinaren Lösungsvorschläge ansehen und anfangen, etwas davon umzusetzen. Da viele der Angebote auch noch kostenlos sind, dürften sie auch von einer breiten Masse hin und wieder angeklickt werden.

Ich vermute jedoch: Nur hin und wieder. Denn viel zu umfangreich sind die Angebote, viel zu langatmig deren Aufbau (oft folgt der Aufbau auch einem vorgegebenen Fahrplan von Marketern) und meistens kommt man an das tatsächliche Geheimnis oder den wirklich wirkungsvollen Input, wenn man sich zu einem kostenlosen Beratungsgespräch bewirbt. Nach dem Gespräch geht es dann zunächst in den Verkauf eines ganzen Wissenspaketes in Form von einem mehrstündigen Online-Programm mit X-Stunden Videomaterial und regelmäßigem Austausch in der geschlossenen Facebook-Gruppe.

Das habe ich selbst ausprobiert und habe es auch für einen Teil meines Angebotes in der Anwendung (hier geht es zum kostenlosen Webinar und hier direkt zum Beratungsgespräch oder sofort zu meinem Online-Kurs zur evokatorischen Führung).

Was mich daran heute beschäftigt: Wir werden derzeit mit Wissen zugedröhnt. Jeder hat das beste Werkzeug oder die geilste Methode und das entsprechende Mindset. Es scheint, als gibt es hunderttausende von Antworten auf die Frage: Was soll ich jetzt tun? Und alle sind sogar logisch begründet! Sie stehen uns online und offline zur Verfügung. Jedes gedruckte Buch, jede abgespeicherte Datei ist ein Mosaiksteinchen in unserem Wissensschatz. Wir konsumieren Wissen. Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache schreibt zur Wortherkunft:

“konsumieren Vb. ‘verbrauchen, verzehren’, im 16. Jh. entlehnt aus gleichbed. lat. cōnsūmere (cōnsumptum; zu lat. sūmere ‘nehmen, kaufen, an-, aufwenden, verbrauchen’)”

https://www.dwds.de/wb/konsumieren

Wir nehmen uns dieses Wissen, wir kaufen es auch, wir wenden es an. Verbrauchen können wir es eher nicht, aber vergessen – und das führt zum gleichen Ergebnis: Wenn wir es wieder benötigen, müssen wir es erneut erwerben.

All das geht in der heutigen Zeit ausgesprochen schnell und effektiv. Schüler müssen nicht mehr Fachwissen lernen, sondern den Prozess, wie sie am schnellsten das benötigte Fachwissen recherchieren und dann konsumieren, um es anzuwenden.

Mich ängstigt darin: Es gibt immer weniger Erfahrungen, die wir machen. Denn schon bald, nachdem wir eine dieser Lösungen kennengelernt und angewendet haben, machen wir eine Erfahrung damit. Stellen fest, dass es ähnlich ist wie eine andere Lösung oder nicht ganz zu meinem eigenen Problem passt. Der vorgeschlagene Lösungsweg ist nicht mein eigener und so mache ich mich wieder auf die Suche nach einer besseren Lösung.

Ich persönlich bin davon überzeugt, dass es daran liegt, dass wir zu viele Antworten bekommen auf Fragen, die wir nicht gestellt haben und zu wenig gelernt haben, die richtigen Fragen zu stellen, um wirksame Antworten zu erhalten oder auch unseren Fokus auf das zu lenken, was uns tatsächlich zu einer Antwort führt.

In diesem Sinne wünsche ich für Dich, dass Du die richtigen Fragen stellst, damit Du nicht in einem Überkonsum von Wissen ertrinkst und nicht vorankommst vor lauter Antworten, die nicht deiner Frage dienen.

Theory U – 3D-Mapping online

Vor ein paar Tagen habe ich die Möglichkeit gehabt mit einer Gruppe von 6 TeilnehmerInnen und 4 Facilitatoren online an einem 3D-Mapping teilzunehmen. Das, was aus der Krise heraus geboren wurde – online statt offline zu agieren – entppuppte sich für mich als eine wichtige und sehr positive Erfahrung.

Meine vorherige Erfahrung:

Vor Jahren hatte ich die Möglichkeit mit C. O. Scharmer und verschiedenen Größen bei einem Kongress in Berlin den damals “Scultpting” genannten Prozess mitzumachen. Dabei steht verschiedenen Teams eine vielzahl an Materialien zur Verfügung, mit der sie eine aktuelle Situation in eine art Skulptur übertragen. Ähnlich wie ein Organisationsstellen werden aus den Materialien Formen gebildet oder Figuren und Materialien werden als Platzhalter verwendet. In den Kleingruppen entstehen so verschiedene Bilder. Anschließend sehen sich die TeilnehmerInnen die entstandenen Bilder an den anderen Tischen an und lassen sich die dort verwendeten Symbole erläutern.

In einem weiteren Schritt wird nun wieder in der Ausgangsgruppe ein Zukunftsbild entworfen und man verändert das vorhandene Bild. Dabei achtet man darauf, welche Elemente sich wie verändern. Was wird wohin verschoben, was herausgenommen, was kommt neu herein.

Ein Moderator achtet darauf, dass genügend Zeit für den Austausch und die Besinnung ist. Es wird von allen Teilnehmenden zusammengetragen, Verständnisfragen werden gestellt und es wird nicht diskutiert. Jeder Beitrag ist wesentlich.

Damals erlebte ich eine schwäche in der Moderation und eine Dominanz der im Vorfeld schon bekannten Ideen. Das, was ich eigentlich erwartet hatte, dass sich “die Zukunft ausspricht” fand für mich nicht statt. Stattdessen vertragen ohnehin starke Persönlichkeiten ihre Ansichten und negativen Urteile gegenüber der gegenwärtigen Situation mit sochler Emotionalität und Vehemenz, dass ich eher enttäuscht, statt beflügelt war mit dem Ergebnis.

Meine jetzige Erfahrung:

Wieder waren mir die TeilnehmerInnen nicht bekannt. Klar war: Wir brauchen etwas Zeit. Und da wir virtuell nicht an einem gemeinsamen Tisch arbeiten konnte, wurde auf dem Tisch einer Facilitatorin das zur Verfügung stehende Material fotografiert und über ein Jamboard zur Ansicht gestellt. Mit einer Kamera wurde der Tisch aufgenommen und wir gaben Anweisungen, was wohin zu stellen war. Dabei wurden der Arbeitsfläche zur Orientierung die vier Himmelsrichtungen zugeordnet, so daß unsere Anweisungen präzise erfolgen konnten.

Die Bedachtsamkeit, mit der wir gearbeitet haben war erstaunlich. Ich hatte den Eindruck, wir hörten uns besser zu. Verfolgten genau, was der Andere wohin platzierte und achteten sehr darauf, was er dazu sagte. Einzelne Rückfragen kamen dazu. Machmal auch eine Überraschung, weil ein anderer das gleiche Material für etwas anderes hernehmen wollte. Dann stellte sich aber auch immer wieder heraus, dass die Materialien gut gewählt und starke Symbole wurden.

Was mich besonders faszinierte: Wir alle hatten genau den gleichen Blick auf das Geschehen und konnten so nachvollziehen, wenn jemand sagte: “noch 2 cm weiter nach Osten” oder “Jetzt wird es mir zu sehr verdeckt von XY”. Auch beim späteren Rundgang um das gesamte Bild, hatten alle genau die gleiche Perspektive. Was tritt aus dieser Perspektive hervor, was verschwindet wo? Was ist nicht mehr zu sehen?

Ich empfand dieses wirklich gemeinsame Auge als das verbindende Element. Während ich in Berlin meinen Standpunkt einfach wechseln konnte und frei in der Positionierung war, hat gerade dieses einschränkende zu einer viel klareren Begrifflichkeit geführt.

Auch die Achtsamkeit im Zuhören, die Unfähigkeit, selbst das Material anzufassen oder die Wartezeiten aufgrund technischer Aussetzer, führten zu einem besinnlicheren Vorgehen. Ist es jetzt wirklich wichtig, noch etwas dazu zu fügen, nur weil es mir gerade in den Sinn kommt? Habe ich wirklich verstanden, was der Andere mit dieser Position ausdrückt? Und wenn nicht: Muss ich es ihn wirklich fragen, oder kann ich auf mein eigenes Gefühl dazu achten, ob es stimmig ist.

Für mich war es leichter in meiner gewohnten Umgebung mich auf mein Gefühl dazu einzulassen und die Stimmigkeit oder das Fehlen von Etwas zu erkennen. Insofern war es eine große Chance und das Ergebnis war überwältigend.

Und wie geht es euch mit euren Online-Formaten?

Onlineschwemme Beobachtungen

Geht es dir auch so? Dauernd kommen neue Angebote für kostenlose Webinare, grossartige und garantiert erfolgversprechende Marketingunterstützung oder persönliches Coaching zu dem, was dich wirklich erfolgreich macht. Da wird dann als erstes vom richtigen Mindset gesprochen und dann auch davon, dass die anderen dir was falsches verkaufen. Und wenn du dann zweimal teilgenommen hast, dann stellst du fest, dass der Aufbau immer der gleiche ist: Erst die Begründung, warum der Gastgeber der Profi für sein Thema ist, dann drei Tipps: Mindset ändern, jetzt anfangen und noch irgend etwas in der Art. Und dann: Wenn Du wirklich erfolgreich sein willst, bewerbe dich…

Was dann folgt, ist die weitere standard Werbestrategie. Sie baut darauf auf, dass Du das Gefühl bekommst, jemand will dir was Gutes, tun, Du bist besonders und Du kannst alles.

Wenn ich die Angebote anschaue, mag ich gar nicht glauben, dass das funktioniert. Sind wir wirklich schon so dumm, dass wir das nicht merken? Ich gebe zu, ich probiere es selbst gerade aus. Aber offensichtlich stimmt mein Mindset noch nicht. Ich bringe es einfach nicht übers Herz so platte Aussagen und Versprechungen marktschreierisch herauszurufen.

Wer mich kennt, weiß, dass ich mich seit Jahrzehnten mit der Kunst der Frage beschäftige. Viele der Angebote starten mit Fragen: Willst du auch zu denjenigen gehören… Willst du… Warum … Wie du …

Treten wir einen Schritt zurück:

Wer stellt diese Frage an mich? Der Coach, der Trainer, der Marketingprofi. Und warum stellt er diese Frage an mich? Er möchte etwas verkaufen. Eine Dienstleistung, eine Methode. Und warum reagiere ich darauf?

Die Antwort ist sehr einfach: Wenn ich persönlich gefragt werde, fühle ich mich angesprochen und wertgeschätzt. Und gleichzeitig greift der in den Schulen antrainierte Mechanismus: Wenn dir eine Frage gestellt wird, dann musst du darauf eine Antwort geben. Und schwupps haben wir das Gefühl, wir sind in einem persönlichen Dialog.

Meine Anregung für heutige Zeiten: achte viel mehr darauf, welche Fragen dir gestellt werden, mit welcher Intention. Und frage dich öfters: Bin ich derjenige, der eine Antwort darauf braucht oder der Fragende.

Falls Dich das Thema mehr interessiert, kannst Du dich gerne bei mir melden. www.evokator.de/beratungsgespraech 😉