Seit einigen Jahren beobachte ich einen Boom der Auseinandersetzung mit den Rauhnächten, den 12 “heiligen Nächten” zwischen dem 24.12. und dem 5.1. des neuen Jahres. In unserer nördlichen Hemisphäre sind dies schon nicht mehr ganz die längsten Nächte. Aber sie vermitteln weltweit das Gefühl einer Besinnungspause. Die Jahresabschlüsse sind gemacht, das neue Jahr noch nicht so richtig da. Zeit zum Innehalten.

In dieser Zeit, so erzählte es mir vor mehr als 20 Jahren der damals weit über 80jährige Bauer Georg Wilhelm Schmidt, haben früher die Bauern ihre Träume beobachtet, um daraus den Blick auf die kommenden 12 Monate zu schärfen. Auch einige Bücher gibt es inzwischen, die diesen alten Brauch wieder aufleben lassen. Der Anthroposoph Rudolf Steiner soll erwähnt haben, dass in dieser Zeit der Zugang zur geistigen Welt besonders leicht sei.

Georg Wilhelm Schmidt setzte fort, was sein Vater 1924 nach dem sogenannten landwirtschaftlichen Kurs in Koberwitz begann: er säte Bäume in dieser Zeit und auch Getreide und züchtete so, mit dem Einfluss von Planetenkonstellationen, zukunftsfähige Pflanzen. Ich selbst habe für eine kurze Zeit dies im Schlosspark Freudenberg weiter fortgeführt und erlebte erstaunte Besucher, die sich die jungen Ulmen nach ein paar Jahren ansahen. Heute führt Bernhard Stichelmaier die Entwicklung eines Zukunftswaldes auf dem Freudenberg fort.

Schmidt sagte damals schon, das Gefüge sei jedoch verschoben. Es wäre nicht mehr Januar bis Dezember, sondern September bis August, was in diesen heiligen Nächten durchlaufen wird.

Betrachte ich heute die aktuelle Literatur und die Social-Media-Einträge und Aufrufe, so finde ich sehr unterschiedliche Darstellungen und Empfehlungen für diese Zeit. Einige berufen sich auf die alten Bräuche, andere entwickeln neue Ideen oder folgen ihren eigenen Reflexionsfragen. Aber alle haben eines gemeinsam:

Diese Zeit zwischen den Jahren lässt uns innehalten und sowohl rückbesinnende, als auch vorwärtsgerichtete Fragen stellen. Es ist die Zeit der grössten Fragentiefe im Jahr. Wir gestatten uns in dieser Zeit, tiefgreifende Fragen aufzuwerfen und sie vorerst stehen zu lassen. Wir suchen nicht die klare Antwort, sondern ringen mit den Fragen, suchen Ansätze in möglichen Deutungen und lassen dennoch zu, dass diese Fragen offen bleiben. Wir leben in dieser Zeit anders mit unseren Fragen.

Warum aber tun wir das nur in dieser Zeit? Warum gelingt es uns nicht, diese Haltung zu diesen Fragen über das ganze Jahr beizubehalten?

Im Alltag holt uns das Business wieder ein. Wir wollen schnelle Entscheidungen und Antworten auf unsere Fragen, denn nur dann haben wir das Gefühl, wir kommen einen Schritt weiter. Mit jeder klaren Antwort, die wir auf eine Frage geben können, erstirbt die Frage. Wir lassen sie als Spur zurück: Was ist meine Geschäftsidee? Wie setze ich sie um? Was macht meinen USP aus? Wie lautet mein Purpose? Habe ich die Kennzahlen erreicht?…

Wir erleben uns einerseits als fragende Wesen, andererseits leben wir in einer dermaßen starken Antwortkultur, dass uns gar nicht mehr auffällt, wie wirksam Fragen sind, die wir nicht beantworten können. Aber in diesen Rauhnächten, in dieser Zeit, da bekommen wir noch ein Gefühl dafür. Manche werden demütig, andere besinnlich. Viele von uns erinnern sich an Vorsätze, die sie sich in dieser Zeit vorgenommen haben. Sie beschreiben dann, ob es ihnen gelungen ist, oder ob sie gescheitert sind. Die Frage, ob es gelingen wird, begleitet sie durch ihr Jahr.

In Krisensituationen werden ebenfalls die großen Fragen geweckt. Das Jahr 2020 ist ein Krisenjahr, weil es mehr Fragen aufwirft, als die satten Jahre vorher. Es ist, als hätten wir das ganze Jahr Rauhnächtestimmung, Wir orientieren uns an den großen, offenen Fragen: Wie begegnen wir wirklich dem Klimawandel? Wa ist echte Silidarität im Umgang mit Impfstoffen, Freiheitseinschränkung, was ist an Urlaubsreisen nötig? Wie muss Bildung in Zukunft aussehen? …

Keiner von uns kennt die richtige Antwort darauf. Kaum einer mag sich wünschen, diese Antwort für jemand anderen entscheiden zu müssen. Und dennoch helfen uns diese Fragen uns selbst immer wieder zu verorten. Der Standpunkt, den wir für einen Moment dadurch bestimmen können, hilft uns, uns zu entwickeln. Anders als bei den alten Fragen, die durch eine klare Antwort ersterben, lassen uns die großen Fragen frei, bieten Entwicklungsräume, Leitplanken.

Agile Teams leben genau aus diesem Phänomen: Die große Aufgabe wird für einzelne Momente in kleinere Unterziele zerlegt, die erreichbar sind, die Fragen zulassen, die beantwortet werden können durch Versuch aber auch durch Irrtum. Dabei wird große Mühe aufgebracht, diese Unterziele zu beschreiben, voneinander abzugrenzen, zu gewichten. Dies wird deutlich leichter, wenn man beginnt, sich die Fragen anzuschauen, die hinter diesen Zielen stehen. In Agilen Teams herrscht meist auch eine bessere Fragekultur.

Doch zurück zum Zukunftswald im Schlosspark Freudenberg und zu den Rauhnächten: Ich habe zu meinen ersten Aussaaten nicht gewusst ob es einen Unterschied macht. Ich habe es getan, habe mir den Tag und die Uhrzeit herausgesucht und habe 24 h später eine Kontrollsaat mit dem gleichen Saatgut angelegt. Ich musste mehrere Jahre warten, bis das Ergebnis sichtbar wurde. Die ganze Zeit hat mich die Frage begleitet, was aus unseren Ulmen wird. Diese Frage hat mich motiviert, die Pflanzschule zu pflegen, zu beobachten, zu dokumentieren…

Die tiefen Fragen zwischen den Jahren motivieren uns über das Jahr hinweg. Sie geben Orientierung und Raum. Ich habe das Gefühl, dass 2020 ein ganzes Jahr war, was uns hilft, wieder zu lernen, mit diesen Fragen Zukunft neu zu gestalten.

In diesem Sinne entsteht mein Wunsch für 2021: Mögen wir gemeinsam die großen Fragen als Chance sehen, mögen wir die Ausdauer und den Mut haben, diese Fragen nicht zu schnell gänzlich zu beantworten, sondern mit ihrer Hilfe die Sensibilität, uns selbst immer wieder auf den richtigen Weg zu bringen, woimmer er uns auch hinführt!

Was sind deine großen Fragen, die dich leiten?