Meine Tochter will Skaterin werden. Sie hat sich von ihrem Taschengeld ein Skateboard gekauft – kein Longboard und kein Pennyboard, nur damit das gleich klargestellt ist. Sie scheint da ihrem Bruder nachzueifern. Der hat sich Dirtbiken als Gefahrensport ausgesucht. Als Vater frage ich mich: Wird sie das lernen? Waghalsige Stunts, eine Clique, mit der sie später an den Sommerabenden an irgendwelchen Spots rumhängt? Wird sie sich die richtigen Menschen aussuchen, mit denen sie sich trifft? – Und vorallem: Habe ich sie genügend unterstützt in ihrer Befähigung?

Während die ersten Fragen alle nur meine Tochter beantworten kann, ist die letzte Frage die wichtigste: Meine Frage an mich. Geprägt von Selbstzweifel.

Die geschenkte Zeit dank des Lockdowns hat in vielen Familien, Unternehmen, Initiativen zu vielen neuen Ideen und vertiefenden Fragestellungen zu alten Ideen beigetragen. Im Austausch mit Kolleginnen und Kollegen tauchten Möglichkeiten, sich konkretisierende Vorstellungen und Lösungsansätze auf.

Und mit zunehmender Zeit auch Selbstzweifel. Der Zweifel am eigenen Gedanken oder am eigenen Tun?

Im Begriff des Zweifels steckt die Zwei. Sie ist Ausdruck einer Polarität, eines “Dazwischen-Seins” ohne ganz das Eine oder das Andere zu haben oder zu sein.

Der Zweifel ist Ausdruck einer noch nicht ausgesprochenen Frage. Er entsteht oft als Bauchgefühl. Beobachtet man die Situationen genauer, in denen er auftritt, kann man feststellen dass der Zweifel “gegenwärtig” ist. Er taucht auf zwischen einer erlebten Vergangenheit und einer vor uns liegenden Zukunft.

Willst Du den Zweifel genauer untersuchen, kannst Du in der Vergangenheit anschauen: Was hat faktisch, konkret zu meinem Zweifel geführt? Und welche persönlichen Annahmen, Urteile, Meinungsbilder trugen dazu bei? In die Zukunft kannst Du fragen: Welches persönliche Ziel will ich erreichen und welche konkreten Möglichkeiten und Wege ergeben sich, die ich wirklich gehen kann?

Lex Bos hat diese Systematik “Dynamische Urteilbildung” genannt. Die vier Fragen nach konkreten Fakten, Meinungen, Zielen und Wegen gruppiert er um eine Frage, die jemand hat. Dabei stellt er heraus, dass die Reihenfolge der Beantwortung dieser vier Fragen keine Rolle spiele. Deshalb sei das Modell als dynamisch zu bezeichnen.

Die Gedanken, die beim Selbstzweifel auftreten, “schweifen” über diese vier Felder um die eigentliche, persönliche Frage. Nimm dir ein Blatt Papier, teile es in vier Quadranten, benenne die Quadranten im Uhrzeigersinn von oben links beginnend die Feldbezeichnungen “Fakten”, “Ziele”, “Wege” und “Meinungen”, so hat du links die beiden vergangenheitsorientierten Felder, rechts die beiden zukunftsorientierten Felder. Und dann beginne deine Assoziationen zu sammeln.

Du wirst bald merken, dass sich eine konkretere Fragestellung herauskristallisiert. Eine mögliche Ausgangsfrage verändert sich. Sie entwickelt sich dynamisch zu etwas Neuem, drängendem, etwas, was dich motiviert. Notiere – sobald Du das Gefühl hast, sie ist formulierbar, diese neue Frage und notiere wieder Fakten, Meinungen, Ziele und Wege.

So wird aus dem Selbstzweifel, aus dem Spannungsfeld zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen persönlichem und realistisch-faktischem, Schritt für Schritt eine Frage, die Du gut artikulieren kannst. Mit dieser Frage kannst Du dann leichter umgehen, kannst sie erstmal mitnehmen, weitere Untersuchungen machen und findest “ohne es zu merken” in eine Lösung.

Ich wünsche mir, dass sich dieses kleine, aber sehr starke Werkzeug weiterverbreitet. Die Evokatorische Führung baut auf der Dynamischen Urteilsbildung auf. Sie wird ergänzt durch weitere Modelle, die der Führungskraft Orientierung geben und dem Geführten beim Durchdenken seiner eigenen Lösungsvorschläge hilft.

An was zweifelst Du gerade im Umgang mit dir selbst?

Bild von Santa3 auf Pixabay

Ich wünsche mir für meine Tochter übrigens, dass sie es schafft. Dass sie mit unzähligen Übungen von Tag zu Tag besser wird, dass es möglichst ohne Verletzung, aber mit Respekt geschieht und dass sie Menschen findet, die ihr helfen, ihren Stil zu finden.