Welche Frage bearbeitet dein Unternehmen zum Wohle der Gesellschaft?

Ich beobachte seit dem Erscheinen von Laloux “Reinventing Organisations” mit großem Interesse die Entwicklung und das Echo von Unternehmen, die sich die Frage nach ihrem Sinn stellen und diese dann mit ein paar wenigen Sätzen beantworten. Es ist ermutigend zu sehen, wie immer mehr Menschen diese Ideen einfordern, ganze Beraternetzwerke sich dafür einsetzen und sich mit verschiedensten Methoden beispielsweise aus den “liberating structures” auf den Weg machen.

Anscheinend war die Definition von Leitbild, Vision und Mission des Unternehmens noch nicht tief genug im Unternehmen verankert, um langfristig genügend Bindungskraft sowohl für Mitarbeiter als auch für Kunden zu entwickeln. Oder aber die beratende Zunft (zu der ich mich selbst auch zähle) bedurfte neuer Unterscheidungsmerkmale, um sich aus der Masse abzuheben. Wer weiß…

Nachdem in den vergangenen Jahrzehnten die meisten Unternehmen ihr Mission-Statement erstellt haben, stelle ich mir die Frage, was als Nächstes geschehen muss, um Mitarbeiter zu binden und Kunden zu gewinnen. Diese Frage entsteht, weil ich bei mir selbst Ermüdungserscheinungen feststelle, was die Formulierungen der Leitbilder und Purposeformulierungen betrifft. Sie scheinen sich oft sehr ähnlich. Und nur, wer an ihrer Entstehung mit beteiligt war, oder die Kultur des Unternehmens kennt, hat sie soweit verinnerlicht, dass sie als eigener Leitstern nicht zum Leidbild (mit d) verkommen.

Eine mögliche Antwort könnte sein, dass Unternehmen in Zukunft statt einem Leitbild eine möglichst konkrete Fragestellung entwickeln, deren Antwort noch nicht feststeht, die Unternehmensfrage.

Füreinander Leisten

Meine Überlegungen zur Unternehmensfrage möchte ich beginnen mit einem Zitat Götz Werners (Gründer dm-Drogeriemarkt), der sagte: “Wirtschaften ist füreinander Leisten” und damit in den Fokus rückte, dass die sinnvolle Arbeitsteilung dem einzelnen Menschen ein Leben nach seinen Bedürfnissen und Fähigkeiten ermöglicht. Wenn ich selbst keine Kuh melken kann, dann brauche ich jemanden, der es für mich tut. Das Gleiche gilt für die Steuererklärung, die Werbeanzeige, den Bau eines Automobils etc.

Warum brauche ich diese Dinge und Dienstleistungen? Weil sie für mich ein Problem lösen. Sie machen mich satt, helfen mir durch den Paragraphendschungel, erreichen für mich meine Kunden oder lassen mich Zeit gewinnen für andere Aufgaben, die ich lieber mache.

Ein “Problem” definiere ich hier als etwas, bei dem ich in der Vergangenheit Erfahrungen und Glaubenssätze gebildet habe, die nicht mit meinen Vorstellungen für die Zukunft übereinstimmen.

Vom Problem zur Frage

Das genau gleiche gilt auch für eine Frage: Sie taucht auf, wenn meine Erwartungen und Hoffnungen an die Zukunft nicht mit den vergangenen Realitäten und erworbenen Glaubenssätzen übereinstimmen. Das spannende daran: Diese Frage treibt mich ständig an, nach Antwortmöglichkeiten zu suchen. Je stärker die Diskrepanz, desto mehr. Es sei denn, die Diskrepanz ist so groß, dass ich die Frage beiseite schiebe.

Eine der wohl bedeutendsten Fragen lautet für viele von uns: Was wird aus mir wohl noch werden? Die Frage “Was wird aus dir wohl noch werden” nennt auch Lex Bos in seiner Masterclass zur Dynamischen Urteilsbildung. Sie treibe uns ständig an, egal, ob wir einen Säugling, einen Jugendlichen oder einen Rentner beobachten. Sie ist aber auch Ausdruck dessen, was unsere Beziehung zueinander massgeblich beeinflusst: Interesse.

Ähnliche Fragen schaffen Beziehung

Treffe ich nun auf einen Menschen, der sich die gleiche oder eine ähnliche Frage stellt, entsteht erstaunlich schnell ein Dialog auf Augenhöhe und es bahnt sich Vertrauen an.

Natürlich tausche ich dann Erfahrungen und Vorstellungen aus. Auf der Suche nach einer Antwort auf meine eigene Frage geht es dabei nicht darum, die komplette Antwort zu bekommen, sondern um Mosaiksteine, die mir mögliche Wege aufzeigen. Und falls die Erfahrungen und Vorstellungen nicht total konträr sind, ergeben sich tatsächlich neue Anregungen und sogar konkrete Lösungsschritte.

Diese Gesetzmäßigkeit beim Umgang mit Fragen führt zu dem Vorschlag, sich im Unternehmen Gedanken dazu zu machen, welche Frage das Unternehmen zum Wohle der Gesellschaft bearbeitet. Denn was kann passieren, wenn diese Frage formuliert ist?

Zum Wohle der Gesellschaft

Ausgehend von Werners Definition des Wirtschaftens werden Unternehmungen, die nicht dem Gemeinwohl dienen, sondern lediglich Gewinnmaximierung für wenige Stakeholder betreiben, die eigene Unternehmensfrage mit den gängigen Lösungsmodellen recht schnell beantworten können.

Purpose getragene Unternehmen hingegen fallen deswegen auf, weil sie sich zur Frage des Gemeinwohls bereits viel intensivere Gedanken gemacht haben und diese auch formulieren können. Aber auch für Unternehmungen, die erst beginnen, sich mit dem Purpose zu beschäftigen, entstehen mit der Unternehmensfrage ganz neue Möglichkeiten.

Die Unternehmensfrage als Leitbild

Mit KATALYST arbeite ich an der Frage: Wie können wir Eigenverantwortung in der Zusammenarbeit von Menschen so unterstützen, dass sich die Mitarbeitenden und Führungskräfte in ihrem Potenzial voll entfalten können?

Mit der Kenntnis dieser Frage kann ich alle meine Handlungen, meine Kunden und Lieferanten mit ins Boot holen.

Meinen Lieferanten signalisiere ich damit, woran ich arbeite, und ich kann seine Angebote und Dienstleistungen daraufhin prüfen, ob sie ein sinnvoller Mosaikstein sind. Der Mitarbeiter für die Programmierung der Webanwendung kann sofort verstehen, dass es sich um Potenzialentfaltung von Führungskräften und Mitarbeitern handelt – und kennt damit bedingt meine Zielgruppe, weiss jedoch auch, welche Ansicht ich vertrete (Selbstverantwortung). Meine Kunden werden sich entweder diesen beiden Kundengruppen (Führungskraft/Mitarbeiter) zuordnen oder aber einer Gruppe von Beratern, Trainern, Coaches, die die gleichen Ziele mit ihren Kunden erreichen wollen. Mögliche zukünftige Mitarbeiter können verstehen, dass ihre Arbeit dann für das Unternehmen wertschöpfend ist, wenn sie zu einzelnen Aspekten der Antwort beitragen. Im Bewerbungsgespräch könnte genau die Frage gestellt werden, was ihr Anteil an der Bearbeitung der Unternehmensfrage sein kann und soll.

Warum keine Antwort die bessere Lösung ist

Positioniere ich meine Unternehmensfrage und mache klar, dass ich noch nicht die definitive Antwort darauf gefunden habe, so kann ich an ihr sehr einfach prüfen und darstellen, was mein Unternehmen macht, ob sich die Mitarbeitenden sinnvoll einbringen können, wie sich Lieferanten und Kunden damit beschäftigen. Ich kann sehr wohl meine Erfahrungen und Zielsetzungen darstellen, kann meine Lösungsvorschläge als Angebote unterbreiten und die mich tragenden Werte benennen. Bleibt die Frage aber noch in Teilstücken unbeantwortet, lädt sie nicht nur Lieferanten und Mitarbeitende, sondern auch mögliche Kunden dazu ein, an einem weiteren Mosaikstein zu arbeiten. Das ist dann die Kundenzentrierte Entwicklung von Lösungen.

Sollte diese Frage jemals beantwortet sein und es gibt die eine und einzigartige Lösung dafür, dann ist das Unternehmen und die Zusammenarbeit mit Lieferanten damit hinfällig geworden. Denn wenn diese Lösung beschreibbar ist, ist sie sofort duplizierbar und es muss niemand mehr daran arbeiten.

Ist unsere Frage beantwortet, was aus uns werden kann, so sind wir es geworden. Wenn nichts weiteres aus uns werden kann, dann fehlt die Frage nach dem Sinn unseres Lebens und unsere Motivation.

In diesem Sinne bin ich gespannt darauf, welche Kernfrage ihr mit eurem Unternehmen bearbeitet.