Die Entstehung des „Ministeriums für Neugierde und Zukunftslust“ ist laut Patrick Ramersdorfer einer Aussage von Wolf Lotter zu verdanken, der meinte, es brauch kein Digitalministerium, sondern eher eines für Neugierde. Begründet wurde diese Aussage damit, dass Digitalisierung eine Technologie ist, die sowieso Anwendungsfelder hat.
Genau so verhält es sich meiner Ansicht nach auch mit KI.
Gleichzeitig möchte ich mit meinem Beitrag eine Perspektive öffnen, die sich in meiner jahrzehntelangen Erfahrung im Umgang mit Fragen entwickelt hat. Dazu muss ich etwas ausholen:
Wir alle wissen, dass es Fragetechniken gibt, die man erlernen und anwenden kann, um die Wirkung der Frage zu verändern. Offene und geschlossene, rhetorische und suggestive Fragen und vieles mehr, lassen sich klassifizieren und im Aufbau beschreiben. In meiner Auseinandersetzung mit KI war ich daher zunächst sehr erfreut und gespannt, was uns diese Technologie abverlangt, wie sich unsere Fähigkeit, Fragen zu formulieren, verändert. Schnell hatte ich verstanden, was ich im Prompt formulieren muss, um gute Ergebnisse zu erhalten. Die ersten Leitfäden zur Promptbildung nach Regeln tauchten im Netz auf und wurden von mir mit großem Interesse gelesen. .
Im Rahmen meiner Fragenforschung ist mir der holländische Soziologe Lex Bos mit der Dynamischen Urteilsbildung ein treuer Begleiter. Ein kleines Büchlein mit dem Titel „Fragebaken“ habe ich vor kurzem gelesen, in welchem er ergründet, was das „Fragewesen“ ist. Nicht Technik, sondern Wesenhaftigkeit.
Parallel dazu möchte ich mir in diesem Blog die Frage stellen, durch welche „Baken“ (Sichtmerkmale in der Seefahrt) das KI-Wesen sich mir erschließt. Gleichzeitig möchte ich dazu anregen, auf dieser Ebene weiter zu denken.
Ich beziehe mich bei meinen Beobachtungen auf meine persönlichen Erfahrungen vor allem mit ChatGPT.
Zunächst weckte es Erstaunen. Klar formulierte Antworten mit einem einigermaßen guten Bezug zur Fragestellung. Überraschung und Aha-Momente bei den ersten Versuchen, die eigenen Fragen zu konkretisieren und bessere Antworten zu bekommen. Ein Aha war die Korrektur einer Bachelorarbeit. Da ich über Jahre Masterarbeiten betreut habe, traue ich mir eine gewisse Logikkompetenz zu. Umso überraschten war ich, als ich vollkommen falsche Wenn-Dann-Ableitungen fand. Ich fragte die Autorin danach, wieweit sie sich habe helfen lassen von ChatGPT und sie sagte, dass sie Formulierungsvorschläge erfragt hatte.
Das Wesen von ChatGPT drückt sich hier in seiner Wahrscheinlichkeitsrechnung aus. Es ist trügerisch, weil es eine logische Sprache verwendet, aber nicht logisch ist.
Dann nahm ich an einer Weiterbildung zum Einsatz von KI im Workshopdesign teil. Mit einer Hilfstabelle in Excel konnte ich daraufhin mit der Eingabe wichtiger Faktoren in kurzer Zeit die erste Ausschreibung, die Einladung der Dozenten, die möglichen Kampagnenideen, die sinnvolle Gliederung in Haupt- und Nebenthemen, die Zielgruppenansprache und vieles mehr innerhalb eines Chats erzeugen.
Das Wesen zeigte sich mir von seiner Vielfältigkeit. Methodenwissen bekannter Workshopmethoden war genauso vorhanden, wie Ablaufpläne. Häufig waren die eingeschätzten Zeiten jedoch unrealistisch oder die vorgeschlagenen Methoden passten nicht zueinander. Wie gut, dass menschliche Erfahrung die Richtung wieder korrigieren kann.
ChatGPT entwickelte sich damit zunehmend zum Sparringpartner. Da mir bewusster wurde, was Wahrscheinlichkeiten im Gegensatz zur Logik an Falschinformationen hervorbringen.
In der nächsten Phase begann ich GPT als Lektor zu nutzen. Für mein Kernthema Fragenkompetenz und evokatorische Führung habe ich mein Projekt mit meinen bereits geschriebenen Büchern gefüttert. Als Lektor gab es mir konstruktive Perspektivwechsel und Ergänzungsvorschläge. Für mein neues Buch freue ich mich an den Diskussionen und dem Ausfeilen von Formulierungen. Jedes Kapitel schreibe ich in einem Textdokument, korrigiere auch kleine Formulierungen und hinterfrage Bezeichnungen, die plötzlich auftauchen.
GPT scheint dabei aber nicht zu begreifen, wie die Nuancen anders gewichtet werden. Immer wieder verfällt es in eine oberflächliche Logik. Es tut sich schwer, die Logik der Fragen wirklich zu verstehen und auch zu verstehen, was der Unterschied ist zwischen jemandem, der aktiv fragt, und jemandem, der befragt wird. Hier wird deutlich, dass es wieder um Wahrscheinlichkeiten geht und nicht um das Verständnis dessen, was ich mit der evokatorischen Führung zum Ausdruck bringen will.
Nach der ausführlichen Bearbeitung eines Kapitels lade ich das ganze Kapitel tatsächlich hoch und bitte nochmal um eine Rückmeldung als Lektor. Dabei stellt GPT immer wieder fest, dass es noch Veränderungen und Verbesserungen gibt und beurteilt auch meine Verbesserungen, die ich vornehme. Das ist hilfreich.
Auf der anderen Seite weckt es in mir ein Gefühl: Werde ich das perfekt hinbekommen? Dieses Gefühl der Unsicherheit lässt mich fragen: Will ich wirklich dieses Feedback in der Art und Weise haben? Denn so wie es wirkt, vom Wesen her, wird es immer nochmal etwas finden, was es verbessern kann, was es verändern kann, auch wenn Veränderungen teilweise Rückschritte bedeuten.
Und noch etwas anderes zeigt mir das Wesen: Wenn ich meine LinkedIn-Kommentare und auch die LinkedIn-Beiträge seit der Einführung von ChatGPT verfolge, beobachte ich, dass viele Trainerkolleginnen und Kollegen (und ich schließe mich da auch nicht aus) mit Hilfe von GPT oder mit KI gestützte Artikel posten. Eine Fülle von logischen, stimmigen Beiträgen entsteht, die interessant zu lesen sind, aber sich im Aufbau und in der Sprache sehr ähneln.
So wird mir deutlich, dass die kürzeren Sätze, die klare Absatzbildung, die Aufschlüsselung in Bullet Points und andere, zwar für die Lesbarkeit hilfreiche Betonungen ermöglichen, aber gleichzeitig die Sprache in den Beiträgen auf LinkedIn zunehmend einheitlicher wird. Diese Vereinfachung der Sprache, das Weglassen von Schachtel-Formulierungen, verhindert das Verständnis darüber, welcher Gedankengang sich entwickelt. Stattdessen sehr klare, strukturierte Aussage hinter Aussage. Das ist vielleicht das, was wir als das „Seelenlose“ in den KI-Texten nachempfinden können.
Welche Auswirkungen wird nun dieses Wesen auf die Zukunft haben? Diese Frage stelle ich mir gerade in Bezug auf den Umgang, den Schülerinnen und Schüler mit KI haben. Zum Glück habe ich Kontakt über DigitalSchoolStory zu Schülerinnen und Schülern, die das sehr bewusst tun und die auch sehr kritisch mit den Technologien und Social Media umgehen. Ich bin dankbar dafür, dass die Diskussion darüber auch mit Ihnen geführt wird und das auch sichtbar wird, wie viel Verständnis für falsche Meldungen, für KI-generierte, nicht auf den Menschen wirklich bezogene Inhalte entsteht.
Was aber passiert, wenn wir Erwachsene KI zunehmend für uns nutzen? Wir werden mehr von diesen faktisch starken Texten bekommen, die überzeugend wirken und gleichzeitig seelisch nicht wirklich verbunden sind mit Menschen. Das KI-Wesen entfremdet die Texte und Inhalte von uns als Personen und führt dazu, dass man sich mit den Texten nicht mehr so verbunden fühlen wird und auch mit den dahinterstehenden Menschen keine Beziehung mehr aufbaut.
Solange wir KI als Werkzeug nutzen, um Texte weiter zu entwickeln, um uns dabei zu verbessern und uns nicht von der KI beängstigen lassen und unterkriegen lassen, so lange wird KI als hilfreiche Technologie dem Menschen zur Seite stehen können.
Zu Beginn dieses Beitrages habe ich angekündigt, nach den Baken zu suchen, durch die sich mir das Wesen von KI erschließt. Einige dieser Barken habe ich beschrieben, sei es das Erstaunen, die Vielfältigkeit, die Wahrscheinlichkeit, die Korrektur, Unsicherheit oder Vereinheitlichung. Vielleicht werden in den kommenden Jahren noch viele weitere hinzu kommen. Doch je länger ich auf diese Baken schaue, desto mehr verändert sich mein Blick – denn sie markieren nicht nur Eigenschaften der KI. Sie markieren für mich auch Stellen, an denen wir uns selbst begegnen. Jede Technologie offenbart nicht nur etwas über sich selbst. Sie macht sichtbar, was uns Menschen wichtig ist, wo unsere Stärken liegen und wo unsere Unsicherheiten beginnen.
Die entscheidende Zukunftsfrage liegt deshalb gar nicht im Wesen der KI, sondern im Wesen des Menschen. Denn je mehr ich mit CheGPT arbeite, desto deutlicher wird mir: Die Technologie beantwortet nicht nur Fragen, sie stellt wichtige Fragen an mich:
- Wie will ich denken?
- Wie will ich lernen?
- Wie will ich schreiben?
- Wie wollen wir miteinander in Beziehung treten, wenn die Technik vieles von Denken, Lernen und Schreiben übernimmt?
- Und wofür und wie wollen wir dann Verantwortung übernehmen?
Das KI-Wesen scheint unermüdlich Möglichkeiten zu erzeugen: Texte, Ideen, Zusammenhänge, Perspektiven und viele viele Antworten. Doch die Verantwortung dafür, welche davon wir aufgreifen, weiterentwickeln und in die Welt tragen, bleibt beim Menschen. Vielleicht entscheidet sich die Zukunft der KI deshalb nicht an der Qualität ihrer Antworten, sondern viel mehr an der Qualität der Fragen, die Menschen ihr stellen, und an der Verantwortung, die sie anschließend für die Antworten übernehmen, die sie bekommen.
Mein aktuelles Fazit:
Das Wesen der KI fordert uns heraus, unsere Beziehungen neu zu betrachten, vor allem die Beziehungen zwischen Menschen. Denn die KI kann auf nahezu jede Frage eine Antwort erzeugen. Sie kann Zustimmung formulieren, Kritik äußern, Perspektiven ergänzen oder neue Ideen entwickeln. Doch eines kann sie nicht: Sie kann keine Beziehungen zu der Fähigkeit, zu der Frage und zum Befragten eingehen.
Ob ich freundlich frage oder ungeduldig, ob ich unsicher bin oder mutig, ob ich mich zeige oder verstecke: Die Antwort kommt trotzdem. Genau darin liegt eine große Stärke der Technologie und gleichzeitig ihre größte Schwäche. Denn zwischen Menschen entstehen Fragen niemals im luftleeren Raum. Jede Frage beeinflusst die Beziehung: Sie kann Nähe schaffen oder Distanz, sie kann Interesse ausdrücken oder Kontrolle, sie kann Entwicklung ermöglichen oder Menschen verschließen.
Deshalb entsteht die tiefste Form von Fragekompetenz, meiner Ansicht nach, nicht im Dialog mit einer Maschine. Sie entsteht dort, wo Menschen bereit sind, sich gegenseitig Fragen zuzumuten, wo Missverständnisse möglich sind, wo Vertrauen wachsen muss, wo Antworten folgen und die für die Beziehung Folgen haben.
Mit Hilfe von KI können wir lernen, präziser zu formulieren, Perspektiven zu wechseln und Gedanken zu strukturieren. Die Fragekompetenz, die Beziehungen stärkt und Menschen in ihrer Entwicklung unterstützt, können wir jedoch nur mit anderen Menschen lernen. Vielleicht liegt darin genau die wichtigste Bake, die mir das Wesen der KI zeigt. Sie macht sichtbar, wie bedeutsam menschliche Beziehungen für das Fragen sind und wie leicht wir das vergessen können, wenn Antworten jederzeit verfügbar werden.
Mich würde deshalb interessieren: Welche Baken habt ihr bisher im Umgang mit KI entdeckt und was verraten sie euch über die Technologie und über uns Menschen?
P.S. Dieser Beitrag entstand im Kontext der Blogparade, zu der von Michael Schenkel in LinkedIn aufgerufen wurde. Kommentare und Rückmeldungen sind gerne erwünscht. Mitmachen auch: https://t2informatik.de/blog/blogparade-ki-und-mein-job/
