Zutrauen schenken als Zukunftskompetenz

Die Krise fördert zutage, was in Unternehmen schon länger wahrgenommen werden kann: Transformation bedarf eines Haltungswechsels und einer bewussten Reflexion vorhandender Denk-Systeme. Um Neues zu schaffen – nicht nur während und nach Corona – lassen sich die jetzt gemachten Erfahrungen nutzen. Führung ändert sich derzeit in eine höhere, agilere, dezentralere Führung oder ein stärkeres “Command and Control”-Verhalten. Beides hat seine Tücken. Treten wir jedoch einen Schritt zurück und betrachten wir auf eine Metaebene, was sich zeigt.

Die Pandemie spaltet die Gesellschaft. Verschwörungstheorien, Hochrechnungen, Aussagen verschiedenster Spezialisten – sie alle führen zur spürbaren Unsicherheit in der Gesellschaft.

Die Gesellschaft sind wir. Jeder Einzelne von uns gehört dazu. Nun haben wir aber gelernt, unsere Welt in überschaubare Einheiten zu teilen. Das geschieht schon sehr früh durch die Sprachbildung. Wir lernen Mama und Papa und dann Mamas und Papas kennen. Wir lernen wer dazu gehört zur Familie, zur Nachbarschaft, zu den Deutschen, den Europäern oder zur Weltbevölkerung.

Begriffe verbinden – und trennen

Claus Otto Scharmer hat mit seiner Theory U und der Suche danach, “was die Zukunft ausspricht” ein mittlerweile weltweit angewendetes Methodenset zusammengestellt und praktiziert, welches ebenfalls mit Begrifflichkeiten beginnt: Im U-Lab beschreibt er vier Aufmerksamkeitsstufen:

  • Hören, was ich bereits kenne – ich fülle verwendete Begriffe des Gegenübers mit meinen eigenen Erfahrungen.
  • Hören, was ich noch nicht kenne – ich frage nach, welche Erfahrungen der Andere gemacht hat, um zu seinem Begriff zu kommen.
  • empathisches Zuhören – spüre mit dem Anderen und ich äußere, welche Empfindungen ich wahrnehme zu dem, was mitgeteilt wurde.
  • Presencing – etwas spricht sich in mir als evident aus.

Im Hören, was ich kenne, wird die Zuordnung zu den mir bekannten Begriffen vorgenommen. Im Hören, was ich noch nicht kenne, wir die Unterscheidung und die Trennung erlebt. Alles, was ich nicht zuordnen kann, gehört zum Anderssein. Unser Verstand sorgt für messerscharfe Trennungen. Wir können vieles darin durch Denken schärfen. Gerade deswegen gibt es so viele unterschiedliche Methoden, die sich immer wieder ähneln.

Empathie: Das Spüren erwecken

Im empathischen Zuhören geht es über das kognitive Verstehen auch um die emotionale Offenheit. Emfpinde ich, was der andere fühlt oder wie fühlt sich die Situation an, die der andere beschreibt? Mit diesem Schritt verlassen wir unser kognitives, schulgeprägtes Lernen. Das empathische Zuhören ist nicht erst seit Scharmer bekannt. Auch im Active-Listening wird empfohlen, dem Gegenüber mitzuteilen, welche Empfindungen man hat, bei dem, was mir mein Gegenüber schildert.

Die Empathie ist jedoch abhängig von durchlebten Prozessen. Die zeitliche Dimension tritt stärker in unsere Erfahrung mit dem Gegenüber. Wodurch entsteht Spannung, Trauer, Freude oder die vielen anderen Nuancen emotionaler Situationen? Erwartungen werden übertroffen oder enttäuscht. Dazu braucht es den Prozess von einer vorgestellten Situation zu einer eingetretenen Situation. Emotionalität ist daher abhängig von der Fähigkeit, zeitliche Entwicklungsschritte wahrzunehmen.

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Unserer Sinnesorgane sind genau darauf ausgerichtet: Unser Hören realisieren wir, wenn etwas besonders laut oder leise ist. Unser Schmecken warnt uns bei starken Geschmacksveränderungen. Sind wir das scharfe indische Essen gewöhnt, überrascht uns der Geschmack nicht mehr. Unser Sehen wird durch die Unterschiedlichkeit geweckt und übersieht doch die täglich wiederkehrenden, massiven Werbeversprechen. Unser Riechen reagiert auf Umgebungsveränderungen. Halten wir uns längere Zeit an einem Misthaufen auf, richt es plötzlich nicht mehr. Unser Tasten wird sensibilisiert, wenn wir Veränderungen in der Struktur oder Wärme wahrnehmen.

Die Schwelle der Angst

Unsere Sinne helfen uns also nicht nur kognitiv aufzuwachen und Situationen wahrzunehmen, sondern auch die Unterschiede und den Prozess zu erkennen. Dabei ergeben ihre Reaktionen kein Urteil, sondern eine erweiterte Wahrnehmung auf das, was passiert.

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Voice of Fear (VoF) nennt Scharmer als Hindernis, um auf die tiefste Ebene der Aufmerksamkeit vorzudringen. Die Kraft der Angst, das Nadelöhr, bedingt, dass wir all das, was wir bis dahin wahrgenommen und empfunden haben, loslassen, damit sich die Zukunft aussprechen kann. Halten wir an unseren Vorstellungen fest, wollen wir mit einer von uns vorher gefassten Intention in diesen Prozess gehen, verweigert sich das Evidenzgefühl. Wir wissen selbst am Besten, was wir uns vormachen, wenn wir einen Strategieprozess initiieren und von vornherein Zielparameter setzen, die wir aus der Vergangenheit mitgebracht haben. Führung mit Zielen kann an dieser Stelle die wirkliche Innovation, die Evidenz des Entsthenden verhindern.

Vertrauen und Zutrauen

Verlieben, verlieren, vertrauen, verachten, vernehmen … mit der Vorsilbe “ver” wird oft etwas ausgedrückt, was eben doch nicht richtig ist. Haben wir uns verliebt, erleben wir zwar den Kopf und oder Bauch voller Schmetterlinge, jedoch wissen wir, dass dann später viel Arbeit in der Beziehung auf uns wartet, um eine wirkliche Liebesbeziehung zu erstellen. Im Verlieren und Verachten sind die negativen Empfindungen jedem Bekannt. Ver-Trauen ist daher ein unter Vorbehalt gegebenes Trauen. Mit diesem Trauen können wir die VoF etwas überlisten. Ob wir dadurch jedoch wirklich tiefgreifende Presencing-Momente erleben, wage ich zu bezweifeln.

Sprechen wir hingegen von Zutrauen, so ändert sich mein inneres Emfpinden von dem, was es derzeit gilt: Ich löse mich von den vorher trennenden, kognitiven Grenzen, respektiere die unterschiedlichen Emfpindungen und kann mich angstfrei durch das Nadelöhr begeben, um dessen gewahr zu werden, was die Zukunft ausspricht.

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Trauen wir uns also etwas zu. Ermutigen wir uns gegenseitig, etwas auszuprobieren, entwickeln wir Formate, in denen Raum für Zutrauen und Experimente sind. Machen wir unsere Unternehmungen menschlicher. Denn die Fähigkeit neben der trennenden und verbindenden Sprache und der Empathie, die den Menschen kennzeichnet, ist auch das Zutrauen und damit die Sicherheit, dass der Andere seine Verantwortung in eine Zuständigkeit und Zuverlässigkeit wandeln kann.

Wie kann ich das als Führungskraft unterstützen?

Dem Mitarbeiter etwas zutrauen bedeutet, die eigenen Zielsetzungen und selbst erlernten Vorgehensweisen zurück zu halten. Dafür musst Du ihm Zeit schenken – in dem vollsten Vertrauen in dich, dass er es schafft. Schafft er dann seinen Schritt, wächst nicht nur das Vertrauen, sondern Du kannst dich mit ihm dann auch etwas trauen.

Mit den folgenden Tipps wird es leichter:

  • Unterstütze die Denkbewegung des Mitarbeiters und öffne seine Wahrnehmung zum Beispiel durch die Frage nach dem Ziel – und was noch ein Ziel sein könnte.
  • Lenke den Fokus auf den Prozess, wie das Ziel erreicht wird – ohne selbst Lösungsvorschläge zu unterbreiten.
  • Frage auch danach, wie sich der Lösungsweg für den Mitarbeiter anfühlt.
  • Gib einen Zeitraum, in dem sich der Lösungsweg entwickeln kann. Hilfreich ist die innere Affimration “Wir haben alle Zeit der Welt, aber in X-Stunden/Tagen/Wochen machen wir den ersten Schritt”

In der evokatorischen Führung lernen wir durch die richtigen Fragestellungen das Zukunftspotenzial der Mitarbeiter zu wecken. Hier gilt es sehr präzise darauf zu achten, welche Fragen man wie stellt. Die Wirksamkeit von Führung mit Fragen, die das Zutrauen in den Mitarbeiter verstärken, ist enorm. Mitarbeiter entwickeln plötzlich eigene Lösungswege, steigern ihre Motivation und agieren eigenständig auch auf schnelle Veränderungen.

Mehr dazu gibt es hier

Theory U – 3D-Mapping online

Vor ein paar Tagen habe ich die Möglichkeit gehabt mit einer Gruppe von 6 TeilnehmerInnen und 4 Facilitatoren online an einem 3D-Mapping teilzunehmen. Das, was aus der Krise heraus geboren wurde – online statt offline zu agieren – entppuppte sich für mich als eine wichtige und sehr positive Erfahrung.

Meine vorherige Erfahrung:

Vor Jahren hatte ich die Möglichkeit mit C. O. Scharmer und verschiedenen Größen bei einem Kongress in Berlin den damals “Scultpting” genannten Prozess mitzumachen. Dabei steht verschiedenen Teams eine vielzahl an Materialien zur Verfügung, mit der sie eine aktuelle Situation in eine art Skulptur übertragen. Ähnlich wie ein Organisationsstellen werden aus den Materialien Formen gebildet oder Figuren und Materialien werden als Platzhalter verwendet. In den Kleingruppen entstehen so verschiedene Bilder. Anschließend sehen sich die TeilnehmerInnen die entstandenen Bilder an den anderen Tischen an und lassen sich die dort verwendeten Symbole erläutern.

In einem weiteren Schritt wird nun wieder in der Ausgangsgruppe ein Zukunftsbild entworfen und man verändert das vorhandene Bild. Dabei achtet man darauf, welche Elemente sich wie verändern. Was wird wohin verschoben, was herausgenommen, was kommt neu herein.

Ein Moderator achtet darauf, dass genügend Zeit für den Austausch und die Besinnung ist. Es wird von allen Teilnehmenden zusammengetragen, Verständnisfragen werden gestellt und es wird nicht diskutiert. Jeder Beitrag ist wesentlich.

Damals erlebte ich eine schwäche in der Moderation und eine Dominanz der im Vorfeld schon bekannten Ideen. Das, was ich eigentlich erwartet hatte, dass sich “die Zukunft ausspricht” fand für mich nicht statt. Stattdessen vertragen ohnehin starke Persönlichkeiten ihre Ansichten und negativen Urteile gegenüber der gegenwärtigen Situation mit sochler Emotionalität und Vehemenz, dass ich eher enttäuscht, statt beflügelt war mit dem Ergebnis.

Meine jetzige Erfahrung:

Wieder waren mir die TeilnehmerInnen nicht bekannt. Klar war: Wir brauchen etwas Zeit. Und da wir virtuell nicht an einem gemeinsamen Tisch arbeiten konnte, wurde auf dem Tisch einer Facilitatorin das zur Verfügung stehende Material fotografiert und über ein Jamboard zur Ansicht gestellt. Mit einer Kamera wurde der Tisch aufgenommen und wir gaben Anweisungen, was wohin zu stellen war. Dabei wurden der Arbeitsfläche zur Orientierung die vier Himmelsrichtungen zugeordnet, so daß unsere Anweisungen präzise erfolgen konnten.

Die Bedachtsamkeit, mit der wir gearbeitet haben war erstaunlich. Ich hatte den Eindruck, wir hörten uns besser zu. Verfolgten genau, was der Andere wohin platzierte und achteten sehr darauf, was er dazu sagte. Einzelne Rückfragen kamen dazu. Machmal auch eine Überraschung, weil ein anderer das gleiche Material für etwas anderes hernehmen wollte. Dann stellte sich aber auch immer wieder heraus, dass die Materialien gut gewählt und starke Symbole wurden.

Was mich besonders faszinierte: Wir alle hatten genau den gleichen Blick auf das Geschehen und konnten so nachvollziehen, wenn jemand sagte: “noch 2 cm weiter nach Osten” oder “Jetzt wird es mir zu sehr verdeckt von XY”. Auch beim späteren Rundgang um das gesamte Bild, hatten alle genau die gleiche Perspektive. Was tritt aus dieser Perspektive hervor, was verschwindet wo? Was ist nicht mehr zu sehen?

Ich empfand dieses wirklich gemeinsame Auge als das verbindende Element. Während ich in Berlin meinen Standpunkt einfach wechseln konnte und frei in der Positionierung war, hat gerade dieses einschränkende zu einer viel klareren Begrifflichkeit geführt.

Auch die Achtsamkeit im Zuhören, die Unfähigkeit, selbst das Material anzufassen oder die Wartezeiten aufgrund technischer Aussetzer, führten zu einem besinnlicheren Vorgehen. Ist es jetzt wirklich wichtig, noch etwas dazu zu fügen, nur weil es mir gerade in den Sinn kommt? Habe ich wirklich verstanden, was der Andere mit dieser Position ausdrückt? Und wenn nicht: Muss ich es ihn wirklich fragen, oder kann ich auf mein eigenes Gefühl dazu achten, ob es stimmig ist.

Für mich war es leichter in meiner gewohnten Umgebung mich auf mein Gefühl dazu einzulassen und die Stimmigkeit oder das Fehlen von Etwas zu erkennen. Insofern war es eine große Chance und das Ergebnis war überwältigend.

Und wie geht es euch mit euren Online-Formaten?