Leben in einer Welt des “Beweisen müssens”

Woher kommt das eigentlich – und wohin führt uns das?

Seit Jahren begleite ich Studierende bei der Erstellung ihrer Masterthesen. Die Vorgehensweise erscheint klar. Nachdem in einer Beschreibung der Situation Widersprüche aufgezeigt wurden, wird eine Forschungsfrage formuliert und sich dann systematisch an deren Beantwortung gemacht. Dabei gilt es, nicht irgendwelche Behauptungen aufzustellen, sondern geprüfte Quellen zu zitieren, die belastbare Aussagen treffen. Und dann findet man eventuell die Antwort auf die Forschungsfrage.

Auch im Marketing für Trainer und Coaches findet man jede Menge Referenzen, Zertifikate, Empfehlungen. Wir lernen bereits in der Schule, nicht die “Katze im Sack” zu kaufen und erhöhen unser Misstrauen gegenüber allem Fremden.

Das führt dazu, dass immer neue Zertifikate, Studiengänge in sehr spezialisierte Fachkompetenzen und neue Fachbegriffe erfunden werden. Die Kreativität wird auf die Entwicklung von Rechtfertigungsstrategien verschwendet, statt auf die Entwicklung neuer Ideen.

Wir sind – wenn wir versäumen, uns einfach mal der eigenen Erfahrungs- und Gefühlswelt zu öffnen – Weltmeister der Rechtfertigung, bekommen einen scharfen Verstand und können die Welt sezieren. Aber wir werden uns schwer tun, Neues zu schaffen.

Beim Sezieren beschäftigen wir uns mit dem Toten. Wir schauen an, was gewesen ist und wie es in seine Einzelteile zerfällt.

Dem gegenüber steht die Auseinandersetzung mit dem Lebendigen, dem Werdenden. Dabei müssen wir das Leben geschehen lassen und Freiräume für Selbstentwicklung geben. Unvorhergesehenes muss geschehen können. Dann entsteht Erfahrung.

In Unternehmen ist der Raum für Erfahrungen oft nicht gewünscht. Wir suchen Lokführer, Fachplaner, Gärtner … Und wir hoffen, dass sie ihren Beruf verstanden haben, am besten so, daß wir ihnen möglichst wenig erklären müssen. Dann funktioniert auch die Zusammenarbeit – hoffen wir zumindest.

Es gibt aber auch die Quereinsteiger, Menschen, die Lust auf eine neue Erfahrung haben, die lernen wollen und sich ihre Fachkompetenz durch ganz viel Ausprobieren erarbeitet haben. Diese können oft keine Zeugnisse darüber vorweisen, Und wären wahrscheinlich die bessere Stellenbesetzung. Denn sie bringen den zukünftigen Entdeckergeist, Innovationsfreude und Lernbereitschaft mit.

Ich durfte viele Studierende auf ihrem Weg zum “International MBA in Management and Communications” begleiten. Die Meisten wollten den Titel, um eine bessere berufliche Position zu erreichen. Diejenigen, die aus Interesse an den Inhalten kamen, gaben die Impulse für die Höchstleistungen. Manchmal zerbrach ein Lernteam an den extrem polaren Ausprägungen. Wenn es aber gelang, das Eigeninteresse und nicht das Bestehenwollen zu wecken, dann konnten die Kurse grandiose Leistungen erbringen.

Gerade in der Krise zeigt sich die Notwendigkeit, sich mit Unwissenheit und Neugier auf das Leben einzulassen. Meine Empfehlung: holt euch immer wieder Menschen, die aus Eigenerfahrung gelernt haben und keine Scheu haben, lebenslang zu lernen. Oft erkennt man sie daran, dass sie bereits vieles gemacht haben, aber wenige Zeugnisse vorweisen können.

Um herauszufinden, ob ihr ihren Erfahrungen trauen könnt, müssen wir sehr gut zuhören können und ihnen die richtigen Fragen stellen, damit sie ihre Erfahrungen auch offen artikulieren.

Wo hast Du das letzte Mal aus Lust an der Erfahrung gelernt?

Wie du lernst, die richtigen Fragen zu stellen, erfährst du hier

Was sollen wir tun?

Es ist doch so:
Ob Experten, Semiprofessionals, Laien, Verkäufer, Politiker oder Scharlatane: wir alle geben Antworten auf Fragen zur Krise. Dabei lautet die Frage “Was soll ich tun?” zwar bei jedem der sie stellt gleich, die Antwort darauf ist aber immer individuell.
Wenn wir uns klar machen, wie genau die Frage des anderen an uns ist, dann werden wir viel weniger unnütze Antworten geben.
Meistens jedoch nehmen wir uns dazu keine Zeit.

Wie lauten unsere Antworten, wenn diese Frage “Was soll ich tun?” von

  • einem Apotheker
  • einer Busfahrerin
  • einem Chauffeur
  • einer Designerin
  • einem Eisverkäufer
  • einer Fahrradmechanikerin
  • einem Gastronom
  • einer Hostess
  • einem Imker
  • einer Jägerin
  • einem Kioskbesitzer
  • einer Landfrau
  • einem Maschienenbauingenieur
  • einer Nachrichtensprecherin
  • einem Opernsänger
  • einer Polizistin
  • einem Quantenphysiker
  • einer Reiseleiterin
  • einem Samenzüchter
  • einer Tänzerin
  • einem Unfallarzt
  • einer Veterinärin
  • einem Wachmann
  • einer X-beliebigen Person
  • einem Yachtbesitzer
  • einer Zugschaffnerin

gestellt werden?

Dazu müssten wir auch wissen: Wie betont der- oder diejenige seine oder ihre Frage: Liegt die Betonung auf dem “Was”, dem “Sollen”, dem “Ich” oder dem “Tun”?

Spielkarte aus “Katalyst – evocational advice”

Es gibt sie nicht, die X-Beliebigen. Wir erkennen, dass wir alle individuell sind und als solche wahrgenommen werden wollen. Daher sind die Gespräche, das gegenseitige Interesse aneinander, gerade heutzutage so notwendig.

Und nicht nur in der Krise, sondern immer und immer mehr: Im Arbeitsleben, in der Familie, in der Gemeinschaft.

Traut euch mehr zu Fragen, statt zu schnelle Antworten zu geben! Traut euch, eure Frage für euch selbst erstmal zu verstehen. Traut euch, solange im Dialog zu sein, dass der Antwortende nicht aus seinem eigenen Verständnis heraus antwortet, sondern aus dem echten Verstehen der Frage des Anderen.

Diese Achtsamkeit, dieses Zu-hören, ist die größte Chance der Begegnung. Wenn wir uns die Fragen, die durch das Auftauchen des Coronavirus in der Gesellschaft gestellt werden bewusster machen in all der individuellen Auslegung, werden wir mehr Nähe, Dialog, Menschlichkeit finden.

#staysafe #asktherightquestions #evocate #physicaldistance #socialdialog