Be-Sinnliche Weihnachten

Ja, dieses Jahr ist anders. Die Bedrohung durch Corona, die Spaltung der Gesellschaft, die Reaktionen der Politik, die Einschränkungen aus uns selbst heraus oder von außen bestimmt. Die Erkenntnisse der Marktstrukturen, die in unterschiedlichen Geschwindigkeiten einsetzenden Marktveränderungen, die Umstellungen in den Begegnungen …

Und dann kommt jetzt, zu einem der kulturell am weitesten verbreiteten Fest, der zweite, harte Lockdown.

Die Nachrichten sind mit Sondersendungen angereichert, Zweifler und Befürworter werden gehört, Betroffene auf ihre Wünsche hin befragt.

Meine Frau ist Erzieherin. Auch ihr Kindergarten wird nur noch Notfälle betreuen, Kinder aus systemrelevanten Elternhäusern. Sie macht sich Sorgen um die Kinder aus den sozialschwachen Elternhäusern, bei denen erste Studien vom Anstieg der Gewalt, von Depressionen etc. sprechen.

Vor ein paar Tagen sprachen wir über eine Frage, die ich gerne weitergeben mag: Warum nutzen wir dieses Jahr nicht dafür, unser Verhältnis zu Weihnachten zu hinterfragen umd neu zu gestalten?

In den anderen Jahren haben auch wir es als stressig empfunden, auf den verschiedenen Weihnachtsfeiern zu erscheinen, Freunde auf Weihnachtsmärkten zu treffen und die Weihnachtseinkäufe zu erledigen.

Dieses Jahr kommt bei uns eine andere Weihnachtsstimmung auf. Wir be-Sinnen uns wirklich. Als Familie sitzen wir an den Nachmittagen zusammen oder machen ausgiebige Spaziergänge. Wir tauschen uns untereinander aus, teilen Gedanken und tiefe Wünsche, hören uns Botschaften aus virtuellen Adventskalendern an.

Welche Bräuche und Rituale können wir neu entwickeln, neu mit innerer Haltung füllen, zu kraftgebenden, bereichernden Gedankenübungen machen?

Plötzlich liegen die Begriffe Danken und Denken nebeneinander und das meditative Denken und Danken füllt diese Zeit. Be-Sinnung: mit allen Sinnen im Hier und Jetzt zu sein, sich in der Wahrnehmung zu üben, zu erkunden, wie aus dem Wahrgenommenen Gedanken sich formen, Fragen an das Leben, an uns, an die Gesellschaft, wie aus den Fragen Impulse entstehen, wie Motivation wächst und Beziehung reift.

Ich wünsche dir ein besinnliches Weihnachtsfest. Vielleicht gehörst du auch zu denjenigen, die die “zwölf heiligen Nächte” für eine besondere Innere Reise nutzen und damit vorchristliche Rituale aufgreifen.

Egal, wo es herkommt, wenn es dir hilft, zur Besinnung zu kommen, tue es, probiere es aus, alleine, in Gruppen…

Evidenz

Claus Otto Scharmers Theory U tritt in meiner elektronischen Bias derzeit sehr häufig zutage. Viele geschätzte Kolleginnen und Kollegen berichten von den beeindruckenden Erlebnissen, die sie auf der Reise durch das U gemacht haben.

Auch ich habe mich auf solche Reisen begeben und dabei sehr wertvolle Begegnungen, einen sehr offenen Austausch und eine Kraft erfahren, die dem open mind, open heart und open will entspricht.

Das Erlebnis ist beeindruckend. Es gibt Kraft, macht mutig und zuversichtlich. Und doch stellt sich mir die Frage, ob ich wirklich den tiefsten Punkt des U erreicht habe?

Der leise Zweifel, der sich einschleicht, entsteht dabei aus meinem Wunsch, den Prozess zu beobachten, während ich ihn durchlaufe. Schliesslich möchte ich diese Technik auch mit Kunden anwenden können und muss daher begreifen, wie sie funktioniert und was wann wo passiert.

Solange ich aber noch denkend beobachte, ist ein Restfunke jenes Drängens in mir, etwas unbedingt lösen zu wollen. Ich verspüre die Angst, eine falsche Lösung zu finden. Und diese Angst verhindert den presencing-Moment. Mit diesem Denken beginne ich nämlich zwanghaft, einen Prototypen zu konstruieren. Ich versuche, einer Lösung vorzugreifen und nutze dafür alle meine vorher gemachten Erfahrungen. Damit zeigt sich aber, dass diese Erfahrungen urplötzlich sofort alle wieder da sind und mein Loslassen dieser alten Erfahrungen missglückt ist.

Es hat eine Zeit gedauert, bis ich das verstanden habe. Wenn ich in neuen Ulabs mitmache, entdecke ich immer wieder diese Schwelle. Die dann empfohlene Arbeit mit dem Körper, das intensive hineinspüren, wertfreie Zusammentragen der inneren Bilder, machen es leichter, die Gedanken zu verhindern. Geschenktes Vertrauen wird dann zur Quelle von Evidenz.

Diese Erfahrung zeigt mir deutlich, wie meine Gedanken Quelle einer zukünftigen Realität sind. Und wo der feine Unterschied zwischen Evidenz, Erfahrung und Wissen liegt.

Leben mit Fragen in komplexen Zeiten

Eines vorweg: nicht erst seit der Pandemie sind die Lebenssituationen komplex. Wir haben uns nur ständig vorgemacht, wir könnten damit besser umgehen.

In der Schule haben wir gelernt, Antworten zu geben. Es gab Fragen der Lehrer an uns, die in der Regel eine richtige Antwort hatten. Reinhard Kahl, Wissenschaftsjournalist aus Hamburg, nannte diese Pädagogik “Ostereierpädagogik”, weil es darum ging, die richtige Antwort zu finden.

Auch als Führungskraft unterliegen wir häufig der Zuschreibung unserer Mitarbeiter, wir müssten die an uns gestellten Fragen möglichst schnell Beantworten. So entwickeln wir ständig Lösungen für Andere, die unserem eigenen Denken entsprechen.

Fragen können brennend sein, sich in Rauch auflösen und Feuer entfachen. (c) Bild von HG-Fotografie auf Pixabay

In der Pandemie zeigt sich, dass es keine Antworten gibt, die eindeutig sind, mit denen man ein halbwegs sicheres Fundament für die unternehmerischen Entscheidungen treffen kann. Daher warten viele darauf, dass Antworten auf ihre Fragen von anderen gesucht, gefunden und gegeben werden.

Mit offenen Fragen leben

Das Gedicht “Stufen” von Rainer Maria Rilke spricht aus, was so schwierig ist: Leben mit offenen Fragen, bis man “ohne es zu merken” in die “Antwort hinein” wächst.

Wir halten das schwer aus, weil wir uns zwar mit Fragen bombardieren, jedoch uns viel zu wenig und, falls doch, viel zu theoretisch mit den Fragen selbst beschäftigt haben. Betrachten wir daher das Phänomen der Fragen etwas genauer.

Fragen sind seit unserer Kleinkindzeit an unserer Seite. Wer Kinder hat, kennt die quengelige, permanente Wiederholung der Frage “Warum?” Zunächst freuen wir uns, dass der eigene Spross etwas wissen will. Wir beginnen mit unserer Antwort und erfahren mit jedem weiteren Satz, den wir dazu stellen, dass eine neue Frage gleichen Wortlauts reift: “Warum?” und nach spätestens vier bis fünf Wiederholungen, sind wir zutiefst genervt, weil es uns schwerfällt, dieses Warum zu beantworten.

Auch in der Innovationskultur wird empfohlen, mindestens fünf Mal nach dem Warum zu fragen, um unser Gehirn für kreative Gedanken zu öffnen. Und in der Purpose-Bewegung und ihrem “start with why” wird diese Frage ebenfalls in den Vordergrund gerückt.

Im Sprachunterricht lernen wir die Grammatik: Was ist das Fragewort, handelt es sich um eine offene oder geschlossene Frage, um eine Suggestiv- oder Abschlussfrage im Verkauf.

Fragen können wie schwere Steine belasten, oder den Humus für Interesse bilden. (c) Bild von Anne Kroiß auf Pixabay

Es gibt Einwort-Fragen wie Warum? Und? Aber? Oder? Echt? Sie lösen ganz verschiedene Reaktionen aus und sind vom Kontext abhängig.

Es gibt die wissenschaftlichen Fragestellungen, die jeden wissenschaftlichen Text begründen(sollten). Und Fragen, die sehr deutlich signalisieren, wer sie stellt. Andere Fragenn wiederum verbergen dies.

Fragen werden von Menschen gestellt. Ob die Delfine oder Elefanten oder sonst ein Lebewesen Fragen stellt, kann ich nicht beurteilen. Ob die Kommunikation der Bäume in unseren Wäldern als Frage-Antwort-Dialog abläuft, weiß ich nicht. In unserem Alltag spielen die Fragen der Menschen aneinander eine große Rolle.

Wenn Du bis hierher gelesen hast, was hält dich bei der Stange? Welche Frage hast du, die du durch meinen Text weiterentwickeln willst?

Fragen atmen. Sie verändern sich mit jeder neuen Wahrnehmung. (c) pixabayBild von Free-Photos auf Pixabay

Unser Verhältnis zur Frage ist gespalten. In Vorträgen, bei Besprechungen, bei der Übergabe oder Übernahme von Aufgaben werden häufig die falschen Fragen gestellt. Obwohl wir feststellen können, dass viele Kinderfragen äußerst gut formuliert sind. Es scheint, als haben wir durch unsere Schule verlernt, die richtigen Fragen zu stellen.

Wir wissen zwar: Wer fragt, der führt! aber wir merken gleichzeitig, dass die falsche Frage mehr Irritation erzeugt und mehr verhindert, als sie bewirken sollte. Unnötige Diskussionen, lange und gedankliche Umwege sind die Folge.

Was ist eine richtige Frage?

Lex Bos, ein holländischer Soziologe, entwickelte bereits in den Siebzigern des letzten Jahrhunderts sein “Modell der Dynamischen Urteilsbildung”. Er promovierte über die Urteilsbildung in Gruppen und beschrieb dabei in einer besonderen Form, was eigentlich eine Frage ist. Er stellt sie dar als etwas, was in der Gegenwart existiert. Die Frage sei zwischen Vergangenheit und Zukunft angesiedelt. Jede Frage, die jemand persönlich stellt, hat mit dessen Vergangenheit und dessen Zukunft zu tun. Reagieren wir darauf mit Antworten, verwehren wir dem Anderen, seinen eigenen Weg zu finden. Vielmehr hilft es, die Vergangenheit und Zukunft der gestellten Frage zu erforschen. Fragt man beispielsweise den Fragenden, woher seine Frage stammt, oder welches Ziel er damit erreichen will, wird er sofort beginnen, seine eigene Frage weiter zu entwickeln.

Bos unterscheidet in der Vergangenheit zwischen den Fakten und Wahrnehmungen, die zu der Frage geführt haben und den persönlichen Meinungen und Vor-Urteilen. In der Zukunft spielen ebenfalls zwei Aspekte eine Rolle: Die Ziele und Ideale, sowie die konkreten, machbaren Schritte.

Wendet man dieses Grundbild auf die aktuellen Situationen an und beginnt seine aktuellen Fragen damit zu bewegen, tauchen zwar viele weitere Fragen auf. Jedoch stellt sich schnell ein Gefühl dafür ein, welche Fragen davon in konkrete Schritte überführt werden können und welche Fragen weiter beobachtet werden müssen.

Probier es doch aus: Nimm mehrere Blätter Papier, schreibe deine erste Frage in die Mitte. Sammle aussen herum Fakten, Meinungen, Ziele und Wege und achte darauf, wie sich die Frage ändert. Nimm dann ein nächstes Blatt, schreibe die neue Frage in die Mitte, ergänze wieder aus den vier Perspektiven.

Mehr zu dieser Methode und wie sie weiterentwickelt wurde, gibt es im Onlinekurs zur evokatorischen Führung unter www.evokator.de/kurse/gef

Theory U – 3D-Mapping online

Vor ein paar Tagen habe ich die Möglichkeit gehabt mit einer Gruppe von 6 TeilnehmerInnen und 4 Facilitatoren online an einem 3D-Mapping teilzunehmen. Das, was aus der Krise heraus geboren wurde – online statt offline zu agieren – entppuppte sich für mich als eine wichtige und sehr positive Erfahrung.

Meine vorherige Erfahrung:

Vor Jahren hatte ich die Möglichkeit mit C. O. Scharmer und verschiedenen Größen bei einem Kongress in Berlin den damals “Scultpting” genannten Prozess mitzumachen. Dabei steht verschiedenen Teams eine vielzahl an Materialien zur Verfügung, mit der sie eine aktuelle Situation in eine art Skulptur übertragen. Ähnlich wie ein Organisationsstellen werden aus den Materialien Formen gebildet oder Figuren und Materialien werden als Platzhalter verwendet. In den Kleingruppen entstehen so verschiedene Bilder. Anschließend sehen sich die TeilnehmerInnen die entstandenen Bilder an den anderen Tischen an und lassen sich die dort verwendeten Symbole erläutern.

In einem weiteren Schritt wird nun wieder in der Ausgangsgruppe ein Zukunftsbild entworfen und man verändert das vorhandene Bild. Dabei achtet man darauf, welche Elemente sich wie verändern. Was wird wohin verschoben, was herausgenommen, was kommt neu herein.

Ein Moderator achtet darauf, dass genügend Zeit für den Austausch und die Besinnung ist. Es wird von allen Teilnehmenden zusammengetragen, Verständnisfragen werden gestellt und es wird nicht diskutiert. Jeder Beitrag ist wesentlich.

Damals erlebte ich eine schwäche in der Moderation und eine Dominanz der im Vorfeld schon bekannten Ideen. Das, was ich eigentlich erwartet hatte, dass sich “die Zukunft ausspricht” fand für mich nicht statt. Stattdessen vertragen ohnehin starke Persönlichkeiten ihre Ansichten und negativen Urteile gegenüber der gegenwärtigen Situation mit sochler Emotionalität und Vehemenz, dass ich eher enttäuscht, statt beflügelt war mit dem Ergebnis.

Meine jetzige Erfahrung:

Wieder waren mir die TeilnehmerInnen nicht bekannt. Klar war: Wir brauchen etwas Zeit. Und da wir virtuell nicht an einem gemeinsamen Tisch arbeiten konnte, wurde auf dem Tisch einer Facilitatorin das zur Verfügung stehende Material fotografiert und über ein Jamboard zur Ansicht gestellt. Mit einer Kamera wurde der Tisch aufgenommen und wir gaben Anweisungen, was wohin zu stellen war. Dabei wurden der Arbeitsfläche zur Orientierung die vier Himmelsrichtungen zugeordnet, so daß unsere Anweisungen präzise erfolgen konnten.

Die Bedachtsamkeit, mit der wir gearbeitet haben war erstaunlich. Ich hatte den Eindruck, wir hörten uns besser zu. Verfolgten genau, was der Andere wohin platzierte und achteten sehr darauf, was er dazu sagte. Einzelne Rückfragen kamen dazu. Machmal auch eine Überraschung, weil ein anderer das gleiche Material für etwas anderes hernehmen wollte. Dann stellte sich aber auch immer wieder heraus, dass die Materialien gut gewählt und starke Symbole wurden.

Was mich besonders faszinierte: Wir alle hatten genau den gleichen Blick auf das Geschehen und konnten so nachvollziehen, wenn jemand sagte: “noch 2 cm weiter nach Osten” oder “Jetzt wird es mir zu sehr verdeckt von XY”. Auch beim späteren Rundgang um das gesamte Bild, hatten alle genau die gleiche Perspektive. Was tritt aus dieser Perspektive hervor, was verschwindet wo? Was ist nicht mehr zu sehen?

Ich empfand dieses wirklich gemeinsame Auge als das verbindende Element. Während ich in Berlin meinen Standpunkt einfach wechseln konnte und frei in der Positionierung war, hat gerade dieses einschränkende zu einer viel klareren Begrifflichkeit geführt.

Auch die Achtsamkeit im Zuhören, die Unfähigkeit, selbst das Material anzufassen oder die Wartezeiten aufgrund technischer Aussetzer, führten zu einem besinnlicheren Vorgehen. Ist es jetzt wirklich wichtig, noch etwas dazu zu fügen, nur weil es mir gerade in den Sinn kommt? Habe ich wirklich verstanden, was der Andere mit dieser Position ausdrückt? Und wenn nicht: Muss ich es ihn wirklich fragen, oder kann ich auf mein eigenes Gefühl dazu achten, ob es stimmig ist.

Für mich war es leichter in meiner gewohnten Umgebung mich auf mein Gefühl dazu einzulassen und die Stimmigkeit oder das Fehlen von Etwas zu erkennen. Insofern war es eine große Chance und das Ergebnis war überwältigend.

Und wie geht es euch mit euren Online-Formaten?